East End, 1888. Londons schlimmste Gosse. Zugleich Jagdrevier des berüchtigten Serienmörders Jack the Ripper. Er wurde nie gefasst. Sein Name überdauerte jedoch die Zeit und lockt noch immer Besucher zu den Schauplätzen. Auf "Ripper-Walks“ folgen sie heute seinen Spuren, zum Beispiel mit dem 70-jährigen Donald Rumbelow, einem weltweit anerkannten Ripper-Fachmann.

An der U-Bahn-Station Tower Hill startet die Tour. Es ist Abend, und Donald erzählt, wie alles begann. Damals, in der Nacht des 31. August 1888. Mary Ann Nichols brauchte Geld für ein Bett. Sie war betrunken und wankte auf die Straße, auf der Suche nach Freiern. Stattdessen traf sie Jack the Ripper, und dieses Rendezvous kostete sie das Leben. Er schlitzte ihre Kehle und den Körper auf. Dieser Mord gilt allgemein als erster. Er geschah in der Buck's Row. "Einige Minuten von hier“, sagt Donald. Damals war es weder möglich, Fingerabdrücke zuzuordnen, noch zum Beispiel Tier- von Menschenblut zu unterscheiden. "Der Mörder könnte hier stehen und das Opfer dort liegen“ sagt er. "Er könnte mit dem Blut des Opfers getränkt sein und am Tatort überall Fingerabdrücke hinterlassen haben. Nach dem damaligen Stand der Wissenschaft gab es 1888 keine Möglichkeit, die beiden zusammenzubringen.“

Als er mit seiner Gruppe weiterzieht, rückt schon die nächste nach. Ripper-Walks sind gefragt. Die Touren finden täglich statt, und es gibt viele Konkurrenten. Doch nur wenige verfügen über das Wissen von Donald. Seit 1991 macht er diese Tour, oft gemeinsam mit Molly, seiner Frau – wie er, ein professioneller Guide. Inmitten moderner, hell erleuchteter Bürokomplexe taucht eine alte Kirche auf, die Aldgate Church. Wie aus der Zeit geworfen steht sie da. Damals war sie als "Prostituierten-Kirche“ bekannt, strategisch günstig an einer belebten Straße gelegen. "Prostituierte durften nicht stehen bleiben und mussten die ganze Zeit in Bewegung sein“, sagt Donald. "Sie nutzten die Kirche als Verkehrsinsel, die sie ständig umrundeten.“

Passend zum nächsten Stopp heult eine Polizeisirene auf: Tatort Mitre Square. Ein kleiner, dürftig beleuchteter Platz, von dem nur noch das Kopfsteinpflaster original erhalten ist. Donald steigt auf eine Sitzbank und bittet eine der anwesenden Frauen um ihre Hand. "Der Ort, an dem die Lady steht, wird auch Ripper's Corner genannt. Hier lag der verstümmelte Körper von Catherine Eddowes.“ Dies war der vierte Mord, und er geschah in der Nacht des 30. September 1888. Eine blutige Nacht, denn nur 45 Minuten vorher gab es einen dritten Mord in der Berner Street, nicht weit von hier. Dort wurde Elizabeth tride die Kehle aufgeschlitzt.

Donald erstellt nun ein Profil des Täters und schildert seinen Fluchtweg. In dieser Nacht war die Polizei ganz nah an ihm dran. Donald nimmt die Spur auf. Middlesex Street. Die Straßenmitte markierte damals den offiziellen Beginn des East End und grenzte es von der City of London ab, der Square Mile. Die Architektur verändert sich nun – weg von der vorherrschenden Moderne der City, hin zu mehr alter Bausubstanz, mit vielen viktorianischen kleineren Gebäuden mit Backsteinfassaden. Nach 120 Jahren hat sich viel verändert. "Aber es gibt noch Orte, die einen Eindruck der alten Zeit vermitteln“, sagt Donald.

Der Ripper hinterließ einen blutverschmierten Stofffetzen

Er lotst seine Gruppe durch die in orangefarbenes Laternenlicht getauchten Straßen und folgt dem Fluchtweg des Rippers. Vor einem viktorianischen Apartment-Block in der Goulston Street (Whitechapel) bleibt er stehen. Er zeigt auf einen Hauseingang, der heute zu den Geschäftsräumen eines Fisch-Restaurants gehört. Damals hinterließ der Ripper hier einen blutverschmierten Stofffetzen. "Er lag unter einem Schriftzug, der viele Kontroversen verursachte“, sagt Donald und erzählt warum. Ab hier verlor sich die Spur des Rippers.

Donald durchstreift das East End, das heute eine gefragte Gegend ist, mit vielen Kunstgalerien, Restaurants, Bars und teurem Wohnraum. Am Old Spitalfields Market, einem überdachten Markt, berichtet er von Annie Chapman und dem 8. September 1888. Um 5.30 Uhr wurde sie nicht weit von hier ein letztes Mal gesehen. Sie sprach mit einem Mann. Er fragte: "Willst du?“ Sie sagte: "Ja.“ 30 Minuten später wurde sie aufgeschlitzt, ausgeweidet und ohne Gebärmutter im Hinterhof eines heute nicht mehr existierenden Hauses in der nahe gelegenen Hanbury Street gefunden. Sie gilt als zweites Opfer. Die Dokumentation "The London Nobody Knows“ von 1967 zeigt das Haus noch vor dem Abriss und gewährt einen kurzen Eindruck dieses Tatorts.

Anwohner hörten einen dumpfen Schrei

Dann, an der Ecke Commercial Street/Fournier Street, taucht es plötzlich auf: das alte und durch viele Ripper-Filme bekannte Pub "The Ten Bells“. "Hier tranken die Opfer des Rippers und wahrscheinlich auch er selbst“, sagt Donald. Manche lassen hier nach einem Ripper-Walk den Abend ausklingen. Donald zieht weiter und biegt zum Tour-Finale in eine namenlose Seitenstraße ein, deren Seiten von einem Park- und Lagerhaus flankiert werden. Damals hieß sie Dorset Street und war als eine der schlimmsten Straßen Londons verschrien. Vor dem Garagentor einer Verladerampe bleibt er stehen. Hier lag damals der Zugang zum heute nicht mehr existenten Hinterhof Miller's Court, wo Mary Kelly wohnte. Am 9. November 1888 hörten Anwohner um etwa vier Uhr morgens einen dumpfen Schrei: "Mord!“ Sie schenkten der Sache jedoch keine weitere Beachtung. Stunden später wurde in ihrem Zimmer ein bestialisch zerfleischter Körper gefunden. Nichts war mehr dort, wo es hingehörte, und das Herz war verschwunden. "Sie konnte nur noch durch ihre Augen und Ohren identifiziert werden“, sagt Donald. Ein Polizeifotograf hat das Schlachtfeld verewigt.

Dieser fünfte Mord ist der traurige Höhepunkt einer Mordserie, die nun abrupt endete. Über das Warum wird viel spekuliert. Auch darüber, ob alle fünf Morde vom Ripper begangen wurden und ob es vielleicht weitere Morde von ihm gab, vorher und nachher. Die Frage, die jedoch alle am meisten beschäftigt, ist die nach der Identität: Wer war Jack the Ripper? Donald stellt einige Tatverdächtige vor. Es gibt viele, aber es fehlen Beweise. "Das Mysterium ist noch immer nicht gelöst“, sagt er. Die Diskussionen hören nicht auf, und die Jagd auf den Ripper geht weiter. Jeden Abend.