Ein Jahr davor

Londons Vorfreude auf Olympia 2012 ist getrübt

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Jens Hungermann

Foto: REUTERS

In einem Jahr beginnen die Olympischen Sommerspiele 2012 in London. Doch der Skandal um das Murdoch-Imperium überschattet die Vorfreude.

Ein Jahr vor den Olympischen Spielen in ihrer Stadt werfen die Briten einen 17-Jährigen ins kalte Wasser. Aber das ist schon in Ordnung so. Schließlich hypen sie Tom Daley ja als eines der Gesichter von London 2012. Also darf der Poster-Boy mit dem Mädchenherzen stimulierenden Zahnpastalächeln am Mittwoch den offiziellen Premierensprung im Aquatics Center machen, das dann als letzte von sechs Wettkampfstätten im Olympic Park fertiggestellt ist. BBC One überträgt live, und auf Leinwänden am Trafalgar Square werden Tausende mitverfolgen können, wie Wasserspringer Daley und London den Countdown einläuten: „Twenty Twelve“ ist nur noch zwölf Monate entfernt.

Mit viel Brimborium und im Beisein von Jacques Rogge sowie allerlei Sportprominenz wird in drei Tagen auch das mit Spannung erwartete Design der Medaillen präsentiert, ein gut gehütetes Geheimnis bislang. Dass der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees die Arbeit des Organisationskomitees um Lord Sebastian Coe loben wird – gewissermaßen ist London 2012 Franchisenehmer des IOC, gilt als ausgemacht. Zumal London sich in den vergangenen sechs Jahren seit dem Wahlsieg 2005 u.a. gegen Paris ordentlich ins Zeug gelegt hat.

Die Vorbereitungen auf das weltgrößte Sportereignis haben Spuren hinterlassen, vornehmlich im strukturschwachen Osten der Metropole, dem East End, wo der Olympic Park sich ausbreitet. Dort „ist es noch immer nicht hübsch“, stellte diese Woche der „Economist“ fest, doch immerhin: „Mondlandschaft wird zu Landschaft.“ Insgesamt 88 Prozent aller Wettkampfstätten seien ein Jahr vor Beginn der Spiele gebaut, „dem Zeitplan voraus und unter dem Budget“, schwärmt Sportminister Hugh Robinson und meint, London 2012 habe „das Ansehen von Großbritanniens Bauindustrie gerettet“.

Niemanden wundert es, dass etwa das Velodrom – „The Pringle“ genannt wegen seiner Ähnlichkeit zum Kaffeegebäck – als aussichtsreichster Anwärter auf den begehrtesten Architekturpreis des Landes gilt, den „Stirling Prize“. Stolz sind die Briten auch darauf, dass 98 Prozent der im Wert von 6 Milliarden Pfund (rund 6,8 Milliarden Euro) vergebenen Bauarbeiten von einheimischen Firmen ausgeführt werden.

Zuletzt allerdings ist Unruhe in Londons Olympia-Vorbereitungen gekommen. Nach Streitereien um die Verteilung etwaiger Überschüsse nach den Spielen zwischen Organisations- und nationalem olympischem Komitee und Kritik am teils chaotisch verlaufenen Start des Eintrittskartenverkaufs bereiten die Rücktritte von Sir Paul Stephenson, dem Direktor von Scotland Yard, und seinem Stellvertreter John Yates in der „News of the World“-Affäre um abgehörte Telefonate Sorge.

Wenn die Spitzen der Metropolitan Police, wie Scotland Yard eigentlich genannt wird, plötzlich nicht mehr involviert sind in die größte Polizeioperation Londons zu Friedenszeiten werden die Spiele dann nicht womöglich unsicherer werden, ungleich gefährdeter für Anschläge, lautet die bange Frage.

Sportminister zerstreut Bedenken

Großbritanniens Sportminister Hugh Robertson müht sich, Bedenken zu zerstreuen. „Überhaupt nicht besorgt“ sei er wegen der Demission des renommierten Terrorexperten Stephenson: „Das Ausschlaggebende an der Sicherheit während London 2012 ist, dass Cris Allison die Führung innehat.“ Allison gehört ebenfalls der London Metropolitan Police an, er ist zugleich Koordinator für die Sicherheit der Sommerspiele.

Die Kosten allein für diesen Posten im fast zehn Milliarden Pfund hohen Etat sind inzwischen auf weit mehr als 500 Millionen Pfund (rund 568 Millionen Euro) angeschwollen. Trotz aller Dementis ist absehbar, dass jedes Nachbeben innerhalb von Scotland Yard auch auf die Vorberichterstattung über die Spiele Auswirkungen haben werden.

Weitere Verlierer stehen schon jetzt fest. Infolge des Abhörskandals und der Einstellung von „News of the World“ ist eine Medienpartnerschaft des Rupert-Murdoch-Konzerns News International, die exklusiven Zugang zu britischen Top-Olympiaathleten garantierte, vor einigen Tagen für null und nichtig erklärt worden. Die weiteren Murdoch-Blätter „Sun“, „Times“ und „Sunday Times“ verlieren überdies ihren Titel „Offizielle Zeitung des Teams 2012“.

Platz vier im Medaillenspiegel

Wer nun stattdessen die Hofberichterstattung über die Helden des Königreichs übernehmen darf, ist noch offen. Klar hingegen ist, dass die Erwartungen an die nationale Sportelite enorm sind. China, die USA und Russland sind wohl außer Reichweite, das ahnen sie auf der Insel. Aber Platz vier im Medaillenspiegel wie vier Jahre zuvor in Peking soll es schon sein bei den Heim-Spielen, unterfüttert mit möglichst vielen Medaillen in möglichst vielen verschiedenen Sportarten und Disziplinen. „Jeden Stein umdrehen“, lautet das Mantra auf der Suche nach dem dafür notwendigen extra Prozent Leistung. Jedes noch so winzige Detail kann wichtig sein – und sei es nur die Direktive an alle britischen Olympiastarter, Toilettendeckel bitte geschlossen zu halten, um die Infektionsgefahr zu minimieren.

„Der Erfolg der Spiele wird gemessen werden am Erfolg des Teams GB“, ahnt Lord Colin Moynihan. Dem „Telegraph“ sagte der Präsident des nationalen olympischen Komitees: „Finanzausstattung, Logistik, Moral – wir sind absolut zuversichtlich, dass wir den Athleten helfen können, die Erwartungen zu erfüllen.“


"Wie weit entfernte Monster"

Für den aktuellen Olympia-Zyklus zwackte die Regierung 264 Millionen Pfund (rund 299 Millionen Euro) aus den nationalen Lottoeinnahmen ab zu Gunsten der olympischen Sportarten, Schwimmen und Wasserspringen als eigene Posten exklusive. Je größer die Erfolgsaussichten einheimischer Athleten, desto höher die Förderung.

Einst seien ihm ungleich erfolgreichere Nationen vorgekommen „wie weit entfernte Monster“, erinnert sich Großbritanniens Radsportchef Dave Brailsford. Inzwischen frohlockt er selber: „Jetzt werden wir gefürchtet und beneidet vom Rest der Welt.“

Ein bisschen interne Häme ist da kaum vermeidbar, wenn etwa die Boxer feixen, eine Medaille in ihrer Sportart habe 2008 in Peking bloß drei Millionen Pfund gekostet, während es bei den ach-so-hofierten Ruderern pro Medaille 4,5 Millionen waren. Als erste britische Athletin hat sich vorige Woche die Freiwasserschwimmerin Keri-Anne Payne für die Spiele im eigenen Land qualifiziert. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. 549 Landsleute sollen Payne noch folgen.

Proben für den Ernstfall

London probt derweil schon den Ernstfall. In diversen Sportarten finden an den Schauplätzen der Spiele 2012 in den kommenden Monaten Testwettkämpfe statt. Nächsten Sonntag etwa weihen die Mountainbiker ihren eigens aus dem Boden gestampften Olympiakurs ein.

Die Deutsche Sabine Spitz , 39, weiß: „Der sportliche Wert solcher Rennen ist eher gering. Der eigentliche Wert besteht darin, die Strecke unter Wettkampfbedingungen kennenzulernen, um Rückschlüsse ziehen zu können für das Olympia-Vorbereitungstraining und die Wahl des Materials. Diese vor-olympischen Erfahrungen waren für mich schon in Peking Gold wert.“ Im wahrsten Sinne des Wortes: Spitz wurde 2008 Olympiasiegerin. Ihr Testwettkampf sei nun der „Kick-off für London“, sagt sie.

Ein Jahr vor der Eröffnungsfeier geben sie sich dort optimistisch, exzellente Olympische Spiele zu veranstalten. Organisationschef Sebastian Coe sagt: „Was wir kontrollieren können, haben wir unter Kontrolle. Aber ich bin nicht so anmaßend, dass ich nicht erkennen würde: Es gibt Dinge, die auf uns zukommen werden im letzten Jahr, die du nicht immer vorhersehen kannst.“

Mitarbeit: Thomas Kielinger