Thomas Bach

"Bei Olympia die Vielfalt des deutschen Sports zeigen"

DOSB-Präsident Thomas Bach spricht über die deutschen Erwartungen bei den Olympischen Spielen 2012 in London und stärkere Dopingkontrollen.

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Zum zweiten Mal nach 2008 in Peking führt Thomas Bach, 57, in London die deutsche Mannschaft bei Sommerspielen als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) an. Platz fünf in der Medaillenwertung gibt er als Ziel aus.

Morgenpost Online: Herr Bach, das Scheitern der Fußballfrauen im WM-Viertelfinale dürfte doppelt geschmerzt haben, platzte damit doch auch eine Medaillenbank für London.

Thomas Bach: Die Situation ist traurig, denn weder Frauen noch Männer konnten sich qualifizieren. Für ein Fußballland wie Deutschland ist das bitter.

Morgenpost Online: Der seit 1996 begonnene Abwärtstrend könnte also weitergehen. 2008 in Peking gab es nur noch 41 Medaillen, 2004 in Athen waren es 49, 2000 in Sydney 56, 1996 in Atlanta 65.

Bach: In Peking haben wir den Abwärtstrend umgedreht und sind mit 16-mal Gold in der Medaillenwertung einen Platz nach oben auf Rang fünf geklettert. Aber in der Tat wird es immer schwerer, die gleiche Gesamtzahl an Medaillen zu gewinnen wie in der Vergangenheit. Denn der Kuchen wird auch in London nicht größer sein als in Peking. Immer mehr Athleten aus Entwicklungsländern stoßen in die Medaillenränge vor. Dazu haben wir seit Peking die Sportgroßmacht China, die an die 100 Medaillen gewinnen kann. Wir trauen uns trotzdem zu, wieder ganz oben im Ranking mitzumischen.

Morgenpost Online: Also mit weniger als 41 Medaillen trotzdem unter die Top fünf zu bleiben?

Bach: Das ist durchaus möglich, und das ist auch unser ambitioniertes Ziel. Aber auch Platz sechs oder sieben kann ein gutes Abschneiden sein. Das hängt ganz von Medaillenverteilung und Umständen ab. Die Konkurrenzsituation war noch nie so hart. Nicht mal in den Zeiten des Kalten Krieges ist so viel Geld und Know-how in den Spitzensport geflossen wie heutzutage.

Morgenpost Online: Kann Deutschland bei der weltweiten Aufrüstung noch Schritt halten?

Bach: Wir müssen uns sehr anstrengen. In allen Bereichen des Spitzensports gilt es weiter zu investieren. Sonst fallen wir schnell zurück. Deshalb muss die vor drei Jahren mit dem Bundesinnenministerium erzielte mittelfristige Finanzplanung fortgeschrieben werden.

Morgenpost Online: Nach London sollen aber die jährlichen Fördermittel von derzeit 132,8 Millionen Euro gekürzt werden.

Bach: Es gibt jetzt das neue Aufstellungsverfahren im Bundeshaushalt, es gibt die Schuldenbremse. Aber der Sport ist ein sehr wichtiges Aushängeschild für die Darstellung der Leistungsfähigkeit Deutschlands. Im Ausland werden wir Deutschen oft gesehen als die Satten, die Gemächlichen, die nicht mehr bereit sind, etwas Neues richtig anzupacken. Dieses Bild können Sie kaum besser korrigieren als durch Sport. Leistungswillige und dazu noch sympathische Athleten zeichnen ein ganz anderes Bild von Deutschland. Und dieses Bild transportiert auch eine wichtige Botschaft nach innen, in die deutsche Gesellschaft – dass wir Leistung wollen, Leistung brauchen und Leistung sich auch lohnt.

Morgenpost Online: Welche Länder werden in der Medaillenwertung vor Deutschland liegen?

Bach: Zwischen China und den USA wird es ein Kopf-an-Kopf-Rennen geben. Russland wird vor uns sein. Dann kommt eine starke Gruppe.

Morgenpost Online: Angeführt von Großbritannien, das in Peking sensationelle 19 Goldmedaillen gewann?

Bach: Vermutlich. Die Briten sind durch den Heimvorteil natürlich zusätzlich motiviert. Hinzu kommen Australien, Japan, Frankreich und eben wir. Zwischen diesen Nationen wird es eng zugehen.

Morgenpost Online: Wie viele Sportler wird das deutsche Team umfassen?

Bach: Etwa 400 Athleten, auch wenn gerade in den Mannschaftssportarten noch Qualifikationen fehlen. Neben den Fußballern sind auf jeden Fall die Basketballerinnen nicht dabei.

Morgenpost Online: 302 Wettbewerbe in 26 Sportarten werden ausgetragen. Gibt es außer Fußball noch Sportarten ohne deutsche Beteiligung?

Bach: Es ist nicht unser Anspruch, in allen 26 Sportarten dabei zu sein. Das waren wir noch nie. Trotzdem wollen wir mit der Olympia-Mannschaft wieder zeigen, wie vielfältig der deutsche Sport ist.

Morgenpost Online: Sollte sich Claudia Pechstein wider Erwarten als Bahnradsportlerin qualifizieren, würde sie starten dürfen?

Bach: Mit dem zehnten Platz bei den deutschen Meisterschaften ist sie weit weg von einer Qualifikation. Es gibt also keinen Diskussionsbedarf.

Morgenpost Online: Was sagen Sie zu den Comeback-Plänen von Birgit Fischer , die ihre siebten Sommerspiele als Kanutin anpeilt?

Bach: Birgit Fischer ist eine ehrgeizige, gut organisierte und leistungsorientierte Athletin. Ich traue ihr das zu. Sie ist eine Powerfrau. Sie wird aber kein Comeback angehen, wenn sie nicht fest daran glaubt, dass es klappt. Also warten wir mal ab, wie sie sich letztlich entscheidet.

Morgenpost Online: In Peking ließ das Internationale Olympische Komitee die Rekordzahl von 4770 Dopingproben untersuchen. Wie viele werden es in London sein?

Bach: Es wird so viele Kontrollen geben wie nie – über 5000. Auch in den Monaten vor den Spielen wird verstärkter kontrolliert als jemals zuvor. Und während der Spiele gibt es erstmals eine sogenannte „No Needle Policy“ (Keine Nadel Politik), die die Verwendung von Injektionen ohne klaren medizinischen Zweck verbietet und sanktioniert. In Räumen der Athleten dürfen keine Spritzen mehr gelagert werden. Dabei geht es nicht nur um Dopingbekämpfung, sondern auch um die Gesundheit der Sportler.

Morgenpost Online: Werden die Spiele von London sauberer als die von Peking, wo es 16 Dopingsünder gab?

Bach: Ich hoffe, weil ich glaube, dass sowohl die Einsicht wie auch der Abschreckungsfaktor gewachsen sind.