Weltausstellung

Shanghai, Stadt der Expo und der Superlative

Shanghai präsentiert sich modern und lebenslustig. Für die Expo hat China mehr ausgegeben als für die Olympischen Spiele.

Rheinischer Sauerbraten, Nürnberger Würstchen und bayerische Schweinshaxe – das kulinarische Angebot im deutschen Pavillon ist so, wie es sich Chinesen wünschen: umwerfend exotisch und nahrhaft. Ob es ihnen auch mundet, muss sich freilich noch erweisen, aber zumindest von den 18 Millionen Shanghaiern ist bekannt, dass sie Rind und Schwein in dunklen Soßen schätzen. Und falls doch nicht – es gibt ja noch viel mehr Pavillons zum Staunen und Schmausen auf dem Gelände der Weltausstellung.

„Better city, better life“ lautet das Motto der Expo 2010, die mit einer großen Eröffnungsfeier am heutigen Abend beginnt. Von einer besseren Stadt mit einer besseren Lebensqualität träumt in der Boomtown Shanghai wohl jeder, vom bitterarmen Wanderarbeiter bis zum Multimillionär. Drei Jahre lang mussten sie Dreck, Lärm und Baustellen ertragen, alles wegen der Weltausstellung. Dass die Stadt von ihr profitiert, ist indes nicht zu übersehen: Durch die Unterwelt sausen neue U-Bahn-Linien. Auch der Bund, die Flaniermeile am Flussufer, ist prächtiger denn je.

Und so wie Shanghai ist auch die Expo selbst eine eigene Reise wert: Für das Spektakel hat China mehr ausgegeben als für die Olympischen Spiele, von über 40 Milliarden Dollar ist die Rede. Zum ersten Mal steht Stadtentwicklung im Mittelpunkt einer Weltausstellung. 242 Nationen und internationale Organisationen haben sich Gedanken um Nachhaltigkeit, Lebensstil, Zukunftschancen gemacht. Ein Thema, das berührt. Und mächtig in die Beine geht. Denn das Ausstellungsgelände mit seinen mehr als fünf Quadratkilometern auf beiden Ufern des Huangpu-Flusses ist riesig. Zum Glück verkehren 100 kostenfreie Shuttlebusse zwischen den Pavillons, alle 300 Meter gibt es eine Haltestelle. 70 Fähren verbinden permanent die beiden Ufer. Hinkommen ist sowieso einfach: Die U-Bahn-Linien 4, 6, 7, 8, 9 und die „Expo Special Line“ 13 fahren direkt zur Weltausstellung.

Der deutsche Pavillon namens „Balancity“ befindet sich in Zone C, belegt 6000 Quadratmeter und ist eine Art dreidimensionale, begehbare Skulptur, die keinen festen Innen- und Außenraum definiert. Vielmehr gehen die Expo-Plaza – der Platz vor dem deutschen Pavillon – und die angrenzende Landschaft fließend in den Pavillon über. Sehr beeindruckend. Doch die anderen Ländern haben sich auch etwas einfallen lassen, allen voran die Gastgeber mit ihrem spektakulären roten Pavillon, der einem umgestülpten chinesischen Beamtenhut aus kaiserlichen Zeiten ähnelt.

Um die komplette Weltausstellung zu erkunden, sollte man mindestens drei Besuchstage einkalkulieren, schon allein wegen des großen kulinarischen Angebotes: Abgesehen vom jeweiligen Angebot der Länder-Pavillons werden zusätzlich 40 Restaurants für das leibliche Wohl sorgen, die fünf Minuten zu Fuß voneinander entfernt sind. Was nicht unwichtig ist, denn es dürfen keine Getränke auf das Gelände mitgenommen werden.

Bis zum 31. Oktober wird sich die Welt in Shanghai vorstellen – was die Hafenstadt ausgiebig für die Selbstvermarktung nutzt. Am Huangpu-Fluss war man schon immer etwas anders als der Rest des Riesenreiches. Lebenslustiger, offener gegenüber Fremden. Das war so in den dekadenten 20er- und 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Und das ist heute erst recht so.

Mächtig stolz sind die Shanghaier auf ihre aufregende Stadt, in der sich alles rasend schnell verändert. Sie geben sich hilfsbereit und freundlich, wenn man als Tourist mal wieder an einer Straßenkreuzung steht und nicht weiterweiß. Was sich jetzt zur Expo, die ja Weltgewandtheit und Modernität signalisieren soll, noch steigern dürfte.

Gut, ein paar Einschränkungen gibt es schon. So dürfen die Anwohner in einem weiten Radius um das Expo-Gelände keine Wäsche mehr zum Trocknen aus den Fenstern hängen, man ist ja schließlich nicht in Neapel, sondern in der fortschrittlichsten Stadt des Planeten. Doch bereits in den Wohnvierteln hinter dem Südbahnhof, die noch nicht der Bauwut zum Opfer gefallen sind, herrscht das normale Shanghai. Das erkennt man daran, dass morgens die Leute trotz behördlicher Weisung, es bitte nicht zu tun, weiterhin im Schlafanzug einkaufen gehen – weil es halt so schrecklich gemütlich ist. Von Pyjamas ist am Bund, der für eine halbe Milliarde Dollar umgestaltet wurde, natürlich nichts zu sehen. Autos unterfahren den 1,5 Kilometer langen Boulevard mit seinen Jugendstil-Gebäuden und Villen im Tudor-Stil nun durch einen Tunnel. Oben auf der Galerie ist viel Platz für Tai Chi am frühen Morgen. Auch Walzer tanzen die Shanghaier für ihr Leben gern in aller Öffentlichkeit.

Unvergesslich ist ein Abendbummel vor dem Panorama des Stadtteils Pudong auf der anderen Seite des Flusses, mit seinem futuristischen Fernsehturm und den glitzernden Wolkenkratzern. So viel Glamour hatte der Bund zuletzt vor 80 Jahren, als hier noch Ozeandampfer festmachten und Geschäftemacher, Abenteurer und Flüchtlinge aus aller Welt von Bord gingen, um in der damals sündigsten Stadt Asiens das Glück zu finden. Heute lässt sich die atemberaubende Szenerie von der Dachterrasse des neuen Peninsula-Hotels bei einem Cocktail genießen. Etwas günstiger fällt der Drink in der skurrilen „Atanu Lighthouse Bar“ aus, einem ehemaligen Signalturm am südlichen Ende des Bund mit einer herrlichen Aussicht.

Für das schillernde Shanghai des 21. Jahrhunderts stehen Clubs wie das „Sin“ im Want Want Building, die „Martini Bar“ im Dolce & Gabbana-Milan Store oder der „Kee Club“ in einer 1920er-Villa. Gute Adressen für klassische Shanghai-Küche sind „Jesse“ in Xuhui, das „Fu 1088“, das verheißungsvoll klingende Restaurant „Lynn Modern Shanghai Cuisine“ sowie das schmucke, bei Einheimischen beliebte „Vale“, in dem auch modern kantonesisch gekocht wird.

Wo man während der Expo wohnen sollte? Vielleicht im Hotel über den Wolken, im „Park Hyatt“ in den obersten Etagen des 492 Meter zählenden Shanghai World Financial Center. Die Zimmer im zeitgenössischen fernöstlichen Design haben raumhohe Fenster. Wem das nicht reicht, der diniert in der „Sky Residence“ im 93. Stock, dem höchsten Restaurant der Welt mit Blick über das Ausstellungsgelände.

Ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und einen exzellenten Spa bietet auch das neue Swissôtel beim Jing’An-Tempel. Und die Expo ist vom Hotel aus mit der U-Bahn im Handumdrehen erreicht.

Das typische Shanghai-Klischee von heute ist das futuristische Pudong mit seinen 3000 Wolkenkratzern. Dabei existiert noch ein anderes, ein romantisches Shanghai. In den mit Pappeln gesäumten Gassen und Alleen der ehemaligen französischen Konzession präsentiert sich der Wonnemonat Mai mindestens so charmant wie in Paris. Am besten, man setzt sich in eines der vielen kleinen Familienlokale und bestellt einen Berg knallroter Flusskrebse mit Chilisoße, die haben nämlich gerade Hochsaison.

Mitten im Viertel liegt das „Okura Garden Hotel“, ehemals Teil des französischen Clubs, mit Art-déco-Architektur und dem genialen japanischen Restaurant „Yamazato“. Das Herzstück ist allerdings der verträumte Garten, der für jeden offen steht, auch für Verliebte. Better city, better life – hier klappt’s eigentlich schon ganz wunderbar ...

Die Reise wurde unterstützt von Swiss Airlines und „Okura Garden Hotel“.