Schlossherr

Das seltsame Doppelleben des Constantin Trettler

Er wohnt und studiert in Berlin – allerdings nur von Dienstag bis Donnerstag. Jeden Freitag macht sich Constantin Trettler auf den Weg nach Kittendorf in Mecklenburg-Vorpommern. Auf Fragen, was ihn dort regelmäßig hintreibt, antwortet der 30-Jährige schlicht: "Ich arbeite in einem Hotel". Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Wenn Constantin Trettler am Freitagnachmittag sein Schloss betritt, dann geht er zuerst zu den Scheinwerfern in den Ecken der großen Eingangshalle. Er schaltet sie ein, obwohl genug Lampen im Raum brennen. Nachdem er das Licht überprüft hat, läuft er einmal durch die großen Säle, die mehr als 50 Meter lange Sichtachse entlang, vorbei an Gemälden mit Landschaften und Menschen in Sonntagsgewändern.

Weil die Läufer manchmal wegrutschen, muss er sehr langsam gehen. Oder besser: schreiten. So, wie man sich eben in einem Schloss bewegt. Trettler schaut sich die Tische an. Sind die Gerberas auf den Tischen frisch? Stehen die Stühle ordentlich? Und dann geht er in sein Büro. Sein Arbeitstag hat begonnen.


Constantin Trettler ist wohl Deutschlands jüngster Schlossherr und Hotelchef in Personalunion. Er ist vor wenigen Monaten 30 Jahre alt geworden, lebt in Berlin und studiert an der Freien Universität Publizistik und Politik, von Dienstag bis Donnerstag. Jeden Freitag macht sich Trettler auf den Weg nach Kittendorf, einer 500-Seelen-Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern. Und das Lampen-Einschalten hat eine Bedeutung: "Mein Vater hat immer gesagt, dass es in unserem Schloss belebt aussehen soll", sagt Trettler. "Es soll einladend sein, Vorbeilaufende sollen das Gefühl haben, dass sie willkommen sind." Sein Vater, Johann Trettler, hat nicht nur diese Regel aufgestellt, sondern er hat diesen Ort entdeckt. Sonst wäre auch heute Constantin Trettlers Studentenleben ein anderes. Schließlich wohnt er in Kreuzberg, mitten im Ausgehviertel. Er ist im Westteil Berlins aufgewachsen. Und bis zu einem Tag im Sommer des Jahres 1992 war das auch die einzige Heimat, die er kannte.

Der Tag, der alles änderte, war der, an dem Johann Trettler Schloss Kittendorf zum ersten Mal sah. Seinen beinahe 14-jährigen Sohn Constantin hatte er damals mitgenommen auf diesen Ausflug. Es war nicht das erste Schloss, das die beiden sich anschauten. Über tausend von solchen Herrenhäusern standen in dieser Zeit in Mecklenburg leer, Dutzende hatte der Vater gesehen. Aber schnell war klar, dass Kittendorf "ihr Schloss" werden würde. Der Eingang war überwuchert, von außen konnten die beiden sehen, dass nicht mehr alle Scheiben in den Fenstern waren. Doch neben dem Schloss zog sich ein malerischer Park mit einem kleinen Flusslauf und einer herzförmigen Insel entlang. Drinnen stand der kleine Junge lange vor einem für ihn riesigen Hirschkopf, während sich der Vater die Dielen im Gartensaal genau anschaute, den abgeschlagenen Stuck in der Orangerie - und dann das Loch in der Decke des Kuppelsaals. "Es ist nur ein kleines Loch", musste der Vater wohl gedacht haben.


Alle Probleme sahen am Anfang klein aus, erinnert sich Constantin Trettler. Doch es dauerte Jahre, bis die Eröffnung gefeiert werden konnte. Zu lange war Schloss Kittendorf ungenutzt gewesen. Bis ins Jahr 1986 wurde es als Internat genutzt und sollte dann ein Schulungszentrum des Bezirks Neubrandenburg werden. Doch die Arbeiten verliefen sich, und auch nach der Wende passierte lange nichts. Das Haus, erbaut 1848 im sogenannten Tudorstil von einem Schüler Schinkels, Friedrich Hitzig, verfiel mehr und mehr. Und doch sah Johann Trettler schon damals den heutigen Glanz - wie ein Spezialeffekt im Kinofilm, der innerhalb von wenigen Sekunden aus der versunkenen Titanic ein stolzes Schiff mit dampfenden Schornsteinen macht.


Im Jahr 1995 war es soweit: Der Kuppelsaal, die Orangerie und auch der 110 Hektar große Garten waren restauriert, und im hinteren Teil des Schlosses wurden 28 Zimmer für Hotelgäste eingerichtet. "Mein Vater achtete darauf, dass alles zusammen passt - und er bestand auf den Tudorbögen." Tudor - ein adliges Geschlecht aus Großbritannien, das gerade jetzt in einer opulenten TV-Serie wieder aufersteht. In der Architektur sind sie bekannt für einen flachen Bogen, der in der Mitte spitz zuläuft. In Schloss Kittendorf taucht dieses Stilelement überall auf: in Spiegeln, Fensterrahmen - und auch beim Kopfteil der Betten. Constantin Trettler ist stolz auf solche Details, obwohl er sie nicht veranlasst oder gewollt hat.

"Ich bin Nachlassverwalter und Jungunternehmer gleichzeitig", sagt er. Nachdem sein Vater im Frühjahr 2004 gestorben war, hat er, das einzige Kind, alles übernommen. "Ich hätte es ablehnen können, aber das wäre zu schade gewesen." Zu tief war er zu diesem Zeitpunkt schon eingearbeitet, kannte die Kollegen, hatte selbst schon erste Bewerbungsgespräche geleitet. Drei Jahre lang hatte er seinen Vater gepflegt - und dabei die wichtigen Lektionen für bodenständige Abenteurer gelernt. Dazu gehörte, Geduld und ein dickes Fell zu haben - und vor allem Unsicherheiten und die große Verantwortung ertragen zu können. "Ich habe schnell gelernt, abzuschalten, sonst kann ich diese Arbeit nicht machen." Wenn ihn seine Studienkollegen fragen, wohin er am Wochenende fahre, sagt er: Ich arbeite in einem Hotel.

Zur Bescheidenheit passt das Wappen

Zu dieser Bescheidenheit passt das schlichte Wappen der Familie Trettler, das direkt neben dem Hirschkopf, der noch immer im Schloss hängt, in einem großen Fenster eingelassen ist. "Mein Vater hat es entworfen", sagt Constantin Trettler, "aber ich benutze es nicht für alle Schriftstücke." Es sind die Großbuchstaben T und R, die in einem Kreis ineinander verschlungen sind. Gelb auf blauem Grund. Ein Stockwerk höher hängen aufwendigere Wappen - wie das der ersten Schlossherren von Kittendorf. Es ist im oberen Geschoss zu sehen und darin formen die Arme einer Ritterrüstung ein ungelenkes O. Die von Oertzens, wie die ersten Kammerherren hießen, sind auf dem Friedhof begraben, der gleich dem Schloss gegenüber liegt.

"Alles hier atmet seine Geschichte", sagt Constantin Trettler. Und er meint nicht nur die Wappen und die alten Möbel oder Gemälde. Er meint letztlich auch wieder seine Geschichte. Denn obwohl das Grab seines Vaters in Berlin ist - ohne dessen Tod säße er jetzt nicht jedes Wochenende im Büro, wäre er nicht Deutschlands jüngster Schlossherr. Vielleicht wäre er auf einem Auslandsjahr in Australien? Dabei hat für ihn die mecklenburgische Provinz keinen negativen Beiklang. Begeistert erzählt er von umliegenden Attraktionen, einer 700 Jahre alten Glocke und dem Heimatdichter Fritz Reuter. "Das muss man schon kennen, wenn man hier lebt und arbeitet." Aber es klingt nicht wie eine Pflicht, eher wie jemand, der eine zweite Heimat gefunden hat. Oder wie Barack Obama sein Herkunftsland Kenia nennt: "Heimat zum Quadrat".

Manchmal kriecht der Otter auf die Insel

Wie es weitergeht mit dem Schloss, das weiß er noch nicht. Verkaufen? Das war immer eine Option. "Aber es muss auch ein Käufer sein, der das alles weiterführen will." Denn neben der Geschichte der letzten 17 Jahre hat Trettler auch diese Gegend gern. Er mag zum Beispiel den Otter, der in dem Flüsschen neben dem Schloss wohnt. Manchmal krieche das Tier auf die herzförmige Insel. "Und dann sieht man hier natürlich im Frühjahr die Störche, die Adler, die Eulen." Vor dem Hintergrund dieser opulenten Naturschaustelle genießt er es schon ein bisschen, Freunde einzuladen, die schon lange nicht mehr außerhalb des S-Bahn-Rings waren. "Kommt mich doch auf meinem Schloss besuchen", ein Satz, den wohl jeder gern sagen würde.

Vor einigen Monaten sind zwei Freunde aus Berlin der Einladung gefolgt - und schafften es gleich in die Lokalnachrichten. "Auf einer abendlichen Tour durch die Umgebung Kittendorfs haben sie kurz angehalten", erzählt Trettler, "eine Decke ausgebreitet und in den Nachthimmel gestarrt." Ein besorgter Anwohner rief die Polizei, die sofort zur Stelle war - und einen ungewöhnlichen Bericht in der Lokalpresse nach sich zog: "Sternengucker lösen Polizei-Einsatz aus". Einmal mehr trafen zwei Welten aufeinander. Für Constantin Trettler Alltag. Schulterzucken. Montagabend ist er wieder in Kreuzberg. Er muss seine Magisterarbeit vorbereiten. Ab Februar will er die schreiben. Wann? Wahrscheinlich, wenn er in Kittendorf alle Lichter zur Nacht wieder gelöscht hat.