„Dort, der schwarze Punkt, ein Adler – er fliegt in unsere Richtung“, ruft Naturführer Hans-Jürgen Jessel. Die Teilnehmer der Adler-Exkursion im Müritz-Nationalpark schauen angestrengt in die angegebene Richtung. Zunächst ist dort kein Greifvogel zu sehen. Doch wenige Sekunden später wird aus dem Punkt am Himmel ein Seeadler, der sich mit seinen mächtigen Schwingen langsam nähert und dann auf einem abgestorbenen Baum am Ufer des Rederangsees landet. Ferngläser werden gezückt, und das rund 100 Meter entfernte deutsche Wappentier wird intensiv beobachtet.
Adlerbeobachtung in Deutschland war bis vor wenigen Jahren ein seltenes Vergnügen: Bis vor 80 Jahren durften die Tiere in Deutschland gejagt werden, für abgelieferte Kadaver des vermeintlichen Schädlings wurden Prämien gezahlt. „Früher reichte schon ein krummer Schnabel, damit ein Vogel bekämpft wurde“, sagt Hans-Jürgen Jessel vom Nationalpark-Service und löst damit bei den Exkursionsmitgliedern Kopfschütteln aus.
Unter Naturschutz wurden Adler erst gestellt, als es kaum noch welche gab
1934 wurden dann alle Greifvögel außer der Rohrweihe unter Schutz gestellt. Die Adler-Population war da aber schon fast am Boden angekommen. Das früher großzügig in der Landwirtschaft verwendete DDT gab den Tieren den Rest. Durch das Gift, aber auch durch Quecksilber konnten die Weibchen kein Kalk in die Eischalen mehr einlagern und saßen dann auf Pergamenteiern. Auch den USA drohte ihr Wappentier, der Weißkopf-Seeadler, wegen des DDT auszusterben. Dort wurde es in den 1960er Jahren verboten, in Deutschland dauerte das zehn Jahre länger. „Seither erholen sich die Bestände“, sagt Jessel.
Aber immer noch sterben jährlich 30 Seeadler an Bleivergiftung. Das als Nervengift wirkende Blei stammt aus Aufbrüchen von gejagtem Wild, das Jäger im Wald liegen lassen. Die Seeadler, die im Gegensatz zu dem Nahrungsspezialisten Fischadler auch Aas fressen, gehen jämmerlich daran zugrunde, erzählt Hendrik Fulda, der Sprecher des Nationalparkamtes. Viele Jäger im Nationalpark haben sich verpflichtet, auf Bleimunition zu verzichten, doch es gibt in Teilen der Jägerschaft noch Vorbehalte gegen die bleifreie Munition.
Heute gehört dennoch nicht mehr viel Glück dazu, einen Adler zu beobachten: 1960 lebten in Ostdeutschland 70 Seeadler-Paare, zur Wende waren es 180. Heute sind es alleine in Mecklenburg-Vorpommern 260 Seeadler- und 170 Fischadler-Paare. Frühaufsteher können an vielen Seen im Nationalpark Fischadler sehen, die für den Nachwuchs das Frühstück aus dem Wasser ziehen – ein eindrucksvolles Erlebnis. Im Nationalpark liegen insgesamt 107 meist fischreiche Seen. Das Land ist dünn besiedelt, reich strukturiert mit Wäldern und Wiesen, und es gibt kaum Störungen im ehemaligen Jagdrevier der DDR-Führungskader.
Neue Brutpaare, von denen jedes Jahr 10 bis 15 gibt, finden im Nordosten kaum noch Reviere. Sie müssen sich weit weg vom Elternhorst eine Heimat suchen und tauchen in Hessen, Niedersachsen, Bayern und Holland auf. „Die Tiere sind unser Exportschlager“, sagt Jessel.
Jungtiere im Fernsehen
Von alldem ahnen die Fischadler-Winzlinge, die wenige hundert Meter vom Nationalparkhaus in Federow auf einem Stromleitungsmasten im Nest sitzen und nach Futter gieren, allerdings noch nichts. Sie stehen im Mittelpunkt der „Livesendung“, die im Fernseher des Hauses zu sehen ist. Die Kamera ist wenige Meter vom Horst angebracht, so dass sich jede Bewegung der Jungtiere und ihrer Eltern genau beobachten lässt – ein Traum für jeden Ornithologen und Parkbesucher.
Die TV-Kamera sorgt auch dafür, dass die Adler im Nationalpark weitgehend ungestört ihrem Brutgeschäft nachgehen können. Trotzdem gibt es immer wieder Besucher, die die 300 Meter weite Schutzzone um einen Horst nicht beachten. Hobby-Ornithologen und Fotografen, die keinerlei Distanz wahren, sind Jessel ein Dorn im Auge. Erst jüngst habe ein Tourist mit etwas Gebäck auf einem Stuhl unter einem Fischadlerhorst gesessen und sich gewundert, dass der Adler nicht zum Horst zurückkam und sich fotografieren ließ. „Auf meine Verwarnung hin drohte er, nicht wiederzukommen“, erzählt Jessel. Aber Besucher, die Adler stören, sind nicht willkommen, die Drohung zog nicht.
Fischadler brauchen für ihre Horste freie Rundumsicht. 80 Prozent von ihnen haben sich in Deutschland Strommasten als Heimat für ihre Kinderstuben ausgesucht. Dort werden die Jungvögel beringt und wenige mit Satellitensendern versehen, um ihre Reiserouten zu erkennen. Die führen normalerweise bis Kamerun in Westafrika. Aber bedingt durch den Klimawandel überwintern sie inzwischen auch am Mittelmeer. Die Überwachung mit den Ringen führt dabei manchmal zu Überraschungen. So war ein Fischadler als Jungvogel nach Spanien gebracht worden, doch zur Verblüffung der Vogelkundler war er im Folgejahr wieder da. „Es ist halt schön im Müritz-Nationalpark“, sagt Hendrik Fulda lachend.
DPA/IE




