Ratgeber Recht

Wenn der Nachlass überschuldet ist

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Anwalt Dr. Max Braeuer

Anwalt Dr. Max Braeuer

Foto: Amin Akhtar

Dr. Max Braeuer ist Rechtsanwalt und Notar bei Raue LLP und Experte für Familien- und Erbrecht. Hier beantwortet er Leserfragen

Meine Frau ist von ihrer Mutter im Testament als Alleinerbin eingesetzt worden. Die Mutter ist 95 Jahre alt und verwitwet. Meine Frau hat noch eine Schwester. Muss sich die Schwester im Fall des Todes der Mutter an den dann anstehenden Kosten wie Mietzahlungen sowie an den Kosten der Wohnungsauflösung beteiligen? Eine Erbmasse wie teurer Schmuck, Ersparnisse oder ein Grundstück etc. ist nicht vorhanden.

Wer eine Person beerbt, übernimmt nicht nur deren Vermögen, sondern auch deren Schulden. Wenn ihre Frau in dem Testament von ihrer Mutter als Erbin eingesetzt worden ist, dann tritt genau dieser Fall ein. Zu den Schulden, die Ihre Schwiegermutter hinterlassen wird, gehören auch die Kosten, die mit der Auflösung ihres Haushaltes zusammenhängen werden.

Die Erbin wird in jeder Hinsicht in die Position ihrer verstorbenen Mutter eintreten. Sie wird also zukünftig auch erst einmal Mieterin der Wohnung ihrer Mutter sein. Das Mietverhältnis endet nicht automatisch. Ihre Frau muss es kündigen, weil sie als Erbin diese Wohnung nicht mehr benötigt. Es kann sein, dass noch Mietkosten anfallen oder auch Renovierungsarbeiten zu leisten sind. Die Wohnung muss auch geräumt werden. Wenn dafür ein Entrümpelungsunternehmen eingesetzt wird, kostet das auch Geld.

Ein Testament teilt Vorteile und Nachteile auf

Die Rente, die Ihre Schwiegermutter vermutlich bezieht, wird mit deren Tod abrupt enden. Nachdem, was Sie schildern, spricht einiges dafür, dass die nach dem Tode entstehenden Kosten höher sein werden als der Wert dessen, was die Schwiegermutter hinterlassen wird. Mit all dem wird Ihre Frau belastet sein, wenn sie das Erbe annimmt. Diese Last trifft sie auch alleine. Ihre Schwester wird mit all dem nichts zu tun haben. Da die Schwester durch das Testament von ihrer Mutter enterbt worden ist, erbt sie deshalb auch keine Lasten.

Die beiden Schwestern wären nur dann gleich berechtigt und gleich belastet, sofern sie ohne Testament beide erben würden. Das Testament teilt nicht nur die Vorteile, sondern auch die Nachteile anders auf als das Gesetz es vorsieht, nämlich allein zugunsten und zulasten Ihrer Frau. Ihre Frau ist natürlich nicht verpflichtet, das Erbe anzunehmen. Auch wenn sie durch Testament eingesetzt worden ist, dann hat sie nach dem Tode ihrer Mutter die Möglichkeit, die Erbschaft auszuschlagen.

Mit der wirksamen Ausschlagung ist sie von allen wirtschaftlichen Belastungen aus dem Nachlass frei. Die Ausschlagung muss innerhalb einer Frist von sechs Wochen stattfinden. Dafür sollte Ihre Frau zu einem Notar gehen, der alles Erforderliche erledigt. Die Sechswochenfrist beginnt an dem Tage, an dem Ihre Frau erfahren hat, dass sie Erbin geworden ist. Die Entscheidung über eine Ausschlagung wird für Ihre Frau aber nicht so leicht sein, wie es jetzt klingt.

Ein Erbe kann auch ausgeschlagen werden

Auch wenn der Nachlass überschuldet sein sollte, wird Ihre Schwiegermutter sicher Dinge hinterlassen, die für deren Tochter wichtig sind. Das mögen Erinnerungsstücke sein oder einfach persönliche Gegenstände, die immer schon zur Familie gehört haben und die Ihre Frau nicht wird missen will. Mit der Ausschlagung würde Ihre Frau den gesamten Nachlass ablehnen, also auch diese Dinge.

Mit der Ausschlagung fällt der Nachlass an diejenige Person, die in der gesetzlichen Erbfolge die nächste wäre. Das wird in diesem Falle die Schwester Ihrer Frau sein. Auch die Schwester wird dann vermutlich ausschlagen, sodass es für beide Schwestern ganz offen ist, bei wem die Nachlassgegenstände Ihrer Schwiegermutter landen werden. Wenn es keine weiteren Verwandten gibt oder wenn auch die alle ausschlagen, erbt letztlich der Staat.

Erinnerungsstücke schon vor dem Tod verschenken

Aus diesem Dilemma kann möglicherweise aber ein pragmatischer Ausweg gefunden werden. Ihre Frau könnte ihre Mutter überreden, ihr die wichtigen Dinge schon jetzt, also noch zu Lebzeiten zu schenken. Alles, was die Tochter jetzt geschenkt bekommt, fällt nicht in den Nachlass und wird auch in der Ausschlagung nicht betroffen sein. Es besteht zwar die Gefahr, dass sie die Dinge wieder herausgeben muss, wenn der Nachlass überschuldet ist, um dessen Lasten zu tragen.

Da die persönlichen Gegenstände und Erinnerungsstücke, die Ihre Frau auf diese Weise übernehmen wird, aber wahrscheinlich keinen wirtschaftlichen Wert haben, muss sie das eigentlich nicht befürchten.

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