Ratgeber Recht

Wie bindend ist ein gemeinsames Testament?

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Anwalt Dr. Max Braeuer

Anwalt Dr. Max Braeuer

Foto: Amin Akhtar

Dr. Max Braeuer ist Rechtsanwalt und Notar bei Raue LLP und Experte für Familien- und Erbrecht. Hier beantwortet er Leserfragen

Mein Mann verstarb 2011. In unserem gemeinsamen Testament haben wir uns gegenseitig als Alleinerben eingesetzt. Wir haben zwei Töchter und jeweils zwei Enkelkinder. Als Erben des länger Lebenden von uns haben wir unsere Töchter eingesetzt. Sie sollen je ein Reihenhaus in Berlin erben. Nun würde ich gerne noch ein eigenes Testament aufsetzen, in welchem ich die beiden Töchter nur als „Vorerben“ und deren jeweils zwei Kinder als „Nacherben“ für die Reihenhäuser benenne, da beide Töchter über die Jahre hinweg gezeigt haben, dass sie mit Geld nicht umgehen können und ich nicht möchte, dass die Häuser für die Enkelkinder durch Verkauf verloren gehen. Leider weiß ich nicht, ob dies im Nachhinein möglich ist, und bitte Sie daher um Auskunft.

Sie möchten Ihre Töchter nicht mehr zu Erbinnen, sondern zu Vorerbinnen machen. Im Ergebnis bedeutet das, dass Sie Ihre Töchter weitgehend enterben wollen. Die Töchter werden ihre Mutter beerben, sind in der Nutzung des Erbes aber stark eingeschränkt. Es steht schon fest, wer nach dem Tod der beiden Töchter den Nachlass der Mutter übernehmen wird, nämlich jeweils deren Kinder. Die Töchter müssen den Nachlass ihrer Mutter sorgfältig getrennt vom eigenen Vermögen bewahren, damit er bei deren Tot auch auf die Enkelkinder übergehen kann. Sie können den Nachlass benutzen, das Haus etwa vermieten, müssen aber die Substanz für ihre Kinder bewahren. Sie sind so etwas wie Treuhänder für die Nacherben.

Kann man Kinder im Erbfall auf das Vorerbe beschränken?

Weil also die Umwandlung von Erbschaft in Vorerbschaft für Ihre Töchter eine wesentliche Einschränkung bedeuten würde, würden Sie sich damit in Widerspruch zu dem Testament setzen, dass Sie mit Ihrem Mann gemeinsam aufgesetzt haben. Seit Ihr Mann verstorben ist, kann dieses Testament nicht mehr zulasten der Töchter geändert werden. Sie waren mit Ihrem Mann damals darüber einig, Ihre Töchter bei dem zweiten Erbfall uneingeschränkt zu Erben zu machen. Diesen mit Ihrem Mann gemeinsam gebildeten Willen können Sie jetzt nicht mehr einseitig verändern. Wenn Sie jetzt also ein neues Testament errichten, das diese Einschränkungen enthält, dann ist dieses Testament nicht wirksam.

Selbst wenn es für Sie möglich wäre, Ihre Töchter im Erbfall noch auf das Vorerbe zu beschränken, würden Sie damit möglicherweise nicht erreichen, was Ihr Ziel ist. Sie möchten verhindern, dass die Häuser, die Sie vererben, verkauft werden. Tatsächlich müssten Ihre Töchter sich aber die Beschränkungen auf das Vorerbe nicht gefallen lassen. Sie hätten die Wahl, die Erbschaft ganz auszuschlagen und stattdessen den Pflichtteil zu verlangen. Der Pflichtteil ist eine Geldzahlung in Höhe der Hälfte dessen, was die Töchter ohne Testament geerbt hätten. Ohne ein Testament würde jede Ihrer beiden Töchter die Hälfte Ihres Nachlasses erben, also etwa den Wert eines der beiden Reihenhäuser. Der Pflichtteil wäre die Hälfte davon. Wenn in dem Nachlass nicht noch genügend Geld vorhanden ist, um den Pflichtteil auszuzahlen, dann müssten alleine wegen des Pflichtteils die Häuser verkauft und der Erlös für den Pflichtteil verwendet werden. Für die Enkelkinder gesichert werden können sie auf diese Weise also auch nicht.

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