Corona-Pandemie

Astrazeneca: Wer haftet bei Impfschäden mit dem Vakzin?

| Lesedauer: 5 Minuten
Laura Réthy , Julia Emmrich
Corona-Langzeitfolgen: Möglicherweise helfen Impfungen

Corona-Langzeitfolgen- Möglicherweise helfen Impfungen

Langzeitfolgen von Corona werden seit knapp einem Jahr erforscht. Nun wird vermutet, dass eine Impfung gegen Long-Covid helfen könnte.

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Mehrere Bundesländer geben den Impfstoff von Astrazeneca für alle Altersgruppen frei. Wer haftet bei Schäden? Die Fakten im Überblick.

Berlin. 
  • Mehrere Bundesländer den Astrazeneca-Impfstoff für alle Altersgruppen freigegeben
  • Das Vakzin steht allerdings seit längerem in der Kritik - vor allem wegen der in seltenen Fällen aufgetretenen Hirnvenenthrombosen
  • Wer haftet dafür, wenn man sich mit Astrazeneca impfen lässt und Folgeschäden davon trägt? Alle Antworten finden Sie hier

Der Einsatz von Astrazeneca stand zwischenzeitlich gänzlich infrage. Doch nun hat sich das Blatt gewendet: Das Vakzin könnte in Deutschland wesentlich breiter eingesetzt werden als bislang.

Mecklenburg-Vorpommern, Bayern, und Sachsen entschieden in dieser Woche, das Corona-Vakzin von Astrazeneca für alle Altersgruppen freizugeben. Aus Bremen kommen ähnliche Signale, und Berlin hat die Freigabe am Donnerstag beschlossen. Astrazeneca bald also für alle? wer haftet aber bei Impfschäden? Und was ist aber mit den viel besprochenen Nebenwirkungen? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wer übernimmt die Haftung für Impfschäden?

Mitte April hat die Ständige Impfkommission (Stiko) ihre Empfehlung mit Blick auf unter 60-Jährige neu formuliert. Demnach kann sich mit Astrazeneca impfen lassen, wer durch den Arzt über mögliche Risiken aufgeklärt wurde und sich eines gewissen persönlichen Risikos bewusst ist und in die Impfung eingewilligt hat. Mehr zum Thema: Impfausweis: Warum der Impfpass nicht in soziale Netzwerke gehört

Deshalb urteilt der Deutsche Hausärzteverband: Damit sind sowohl Haus- oder Facharzt als auch die Patientin oder der Patient rechtlich auf der sicheren Seite.

Sollte es zu Impfschäden kommen, haftet nach Angaben des Hausärzteverbandes dann weder der Patient noch der Arzt, sondern das jeweilige Land. Und zwar dann, wenn, wie es derzeit der Fall sei, die obersten Landesgesundheitsbehörden die Impfung öffentlich empfohlen haben.

„Auch wenn die Einwilligung des Patienten nicht zwingend schriftlich erfolgen muss, ist es in dem speziellen Fall sinnvoll, sich die Patienteneinwilligung unterschreiben zu lassen“, rät Schütz.

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Warum weichen die Länder von der Stiko-Empfehlung ab?

Hintergrund sind die Vorbehalte gegen den Impfstoff – es bleiben Astrazeneca-Dosen liegen. „Die Freigabe ist ein Angebot, dass diejenigen, die keine oder wenige Vorbehalte gegen den Impfstoff haben, die Möglichkeit nutzen können, sich gegen das Coronavirus auch impfen zu lassen“, sagte etwa Mecklenburg-Vorpommerns Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU) laut einer Mitteilung. Ziel sei es, dass kein Impfstoff liegen bleibe und man beim Durchimpfen der Bevölkerung vorankomme.

Wer ist von den Thrombosen betroffen?

Die zunächst gemeldeten Fälle von Hirnvenenthrombosen betrafen ganz überwiegend Frauen unter 55 Jahren. Nach einer Nutzen-Risiko-Abwägung schränkte die Stiko die Empfehlung für beide Geschlechter ein.

Aktuelle Daten zeigen inzwischen ein differenzierteres Bild: Auch bei Männern und älteren Menschen wurde diese sehr seltene Nebenwirkung beobachtet. Dem in Deutschland für Impfstoffe zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) wurden bis zum 15. April bei rund 4,2 Millionen Impfungen mit Astrazeneca 59 Fälle einer Hirnvenenthrombose gemeldet – davon betroffen: 45 Frauen und 14 Männer. Zwölf Menschen sind verstorben. Die meisten Betroffenen waren jünger als 60 Jahre – aber es gab auch Fälle bei Älteren. Lesen Sie auch: Corona: Warum im Juni die Impfpriorisierung aufgehoben wird

Eine aktuelle Studie aus Großbritannien, erschienen im Fachblatt „New England Journal of Medicine“, mit 23 betroffenen Patientinnen und Patienten zeigte ein Frauen-Männer-Geschlechterverhältnis von rund 60 zu 40 Prozent. Die meisten waren zwar jünger als 50 Jahre – aber vier Betroffene waren älter als 65. Es zeigt sich also: Die Nebenwirkung ist nach wie vor äußerst selten – betrifft aber nicht allein Menschen unter 60 Jahren und nicht allein Frauen.

Wie hoch ist das Risiko?

Um das Risiko für eine Hirnvenenthrombose nach einer Impfung mit Vaxzevria einzuordnen, könnte laut „Spiegel“ eine Maßeinheit helfen: der Mikromort. Wenn eine Million Menschen eine Handlung durchführen und einer dieser Menschen stirbt, dann sei das ein Mikromort.

Auf der Grundlage der PEI-Daten bedeute das für die Astrazeneca-Impfung 2,9 Mikromorts. Laut dem britischen Medizin-Statistiker David Spiegelhalter entsprechen vier Tage Skifahren drei Mikromorts, wie das Magazin weiter schreibt. Damit wäre also der Skiurlaub gefährlicher als die Impfung.

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Was ist über die Ursachen der Thrombosen bekannt?

Die Erkenntnisse Greifswalder Forscherinnen und Forscher aus dem März scheinen sich zu bestätigen: Sie hatten herausgefunden, dass durch die Impfung bei manchen Menschen bestimmte Antikörper gebildet werden, die sich an Blutplättchen heften und diese aktivieren können – Blutgerinnsel bilden sich. Gleichzeitig wurde bei vielen Betroffenen ein Mangel an Blutplättchen festgestellt.

Auch in der aktuellen britischen Studie fiel der Test auf diese Antikörper bei 22 von 23 Patienten positiv aus. „Es ist vergleichbar mit einer Autoimmunkrankheit“, sagt Professor Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. „Das könnte auch erklären, warum eher Jüngere betroffen sind: Das Immunsystem älterer Menschen ist oft schwächer und bildet deswegen vielleicht weniger Antikörper“, so Watzl.