Ratgeber Recht

Was passiert, wenn der Erbe verstirbt?

Dr. Max Braeuer ist Rechtsanwalt, Notar bei RAUE PartmbB und Experte für Familien- und Erbrecht.

Dr. Max Braeuer

Dr. Max Braeuer

Foto: Amin Akhta

Leserfrage: Es geht um das Testament meines Schwagers. Er starb im Juni und hinterließ ein Testament mit einem Erben, seinem Bruder, und zwei Erbinnen, Freundinnen des Schwagers. Fünf Wochen nach seinem Tod starb eine der Freundinnen, noch bevor sie das Eröffnungsprotokoll vom Gericht bekommen hatte. Auseinandergesetzt war noch gar nichts. Sie hinterließ ein Testament. Sie war weder verheiratet, noch verpartnert; sie hatte keine Kinder. In seinem Testament verfügte der Schwager, dass bei Ausschlagung der Erben dieser Erbteil den anderen Erben zukommen sollte. Auch im Eingangssatz des Testamentes betonte er, dass das Erbe in drei Teile, sprich unter den genannten Personen, geteilt werden sollte. Jetzt die Frage: Wächst das Erbteil der verstorbenen Erbin den anderen beiden zu? Erlischt also ihr Erbrecht? Oder kommen ihre Erben zum Zuge?

Dr. Max Braeuer: In einem Testament werden bestimmte Personen benannt, die Erben werden sollen. Dabei kann es natürlich passieren, dass ein benannter Erbe schon früher gestorben ist als derjenige, der das Testament verfasst hat. Diese Person fällt dann als Erbe aus. Erbe kann nur werden, wer zum Zeitpunkt des Erbfalls selbst noch lebt. Wenn eine Person, die im Testament benannt wird, weggefallen ist, stellt sich die Frage, wer an deren Stelle tritt. Wie diese Frage zu beantworten ist, bestimmt der Erblasser, der das Testament verfasst. Oft steht in einem Testament ausdrücklich dazu nichts. Dann muss man überlegen, was der Erblasser wohl gewollt hätte. Der Erblasser kann aber auch, wie in Ihrem Fall, den Fall ausdrücklich regeln. In Ihrem Falle war im Testament bestimmt, dass ein Erbe, der ausschlägt, ganz wegfällt. Der Nachlass verteilt sich dann auf die beiden verbleibenden Erben. Dasselbe hätte sicher auch gegolten, wenn einer der drei Testamentserben früher als Ihr Schwager gestorben worden wäre.

Das alles gilt jedoch in Ihrem Fall nicht. In dem Moment, in dem Ihr Schwager gestorben ist, stand fest, wer seine Erben sind. Die drei Personen, die in dem Testament bezeichnet sind, haben ihn beerbt. Wenn eine von den drei Personen nachträglich stirbt, ändert sich an der Erbfolge nichts mehr. Der Nachlass Ihres Schwagers beziehungsweise der Anteil daran gehörte schon zum Vermögen der nachträglich verstorbenen Freundin. Sie hat diesen Anteil genauso an ihre eigenen Erben vererbt wie ihr sonstiges Vermögen. Das Erbe fällt nicht rückwirkend weg. Der einzige Weg, auf dem ein Erbe rückwirkend wieder wegfallen kann, ist die Ausschlagung. Innerhalb von sechs Wochen nach dem Erbfall kann ein berufener Erbe sein Erbteil ausschlagen. Das ist rückwirkend. Der Ausschlagende wird so behandelt, als hätte er nicht geerbt. Das ist aber ein ausdrücklich geregelter Sonderfall. Wenn ein Erbe nachträglich stirbt, ist das nicht wie eine Ausschlagung zu behandeln. Die Freundin beziehungsweise deren Erben sind endgültig an dem Nachlass des Schwagers beteiligt.

Wenn Sie eine Frage haben, schreiben Sie bitte eine Mail an folgende Adresse: berlin@morgenpost.de. Ein Rechtsanspruch auf eine Antwort besteht nicht. Eine Haftung ist ausgeschlossen.

Mehr zum Thema Familien- und Erbrecht:

Brauchen wir einen Testamentsvollstrecker?

Müssen wir gemeinsam veranlagt bleiben?

Wann muss ich einen Erbschein beantragen?

Wann ist geschenktes Geld steuerpflichtig?