Es gibt ein Wort, dem die Münchener Psycho-Gerontologin Sabine Tschainer den Kampf angesagt hat: Altersstarrsinn. „Ich höre immer wieder: ‚Die Alten sind stur, unflexibel und wollen keine Hilfe‘“, so Tschainer. Sie warnt davor, bestimmte Verhaltensweisen von älteren Personen als Marotte abzutun oder ohne professionelle Diagnostik „in die Demenz-Schublade“ zu packen, sagt sie.

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„Wenn ältere Menschen als auffällig unflexibel, extrem misstrauisch oder aggressiv erlebt werden, kann unter Umständen auch etwas anderes dahinterstecken.“ Ein Trauma etwa, also eine seelische Verletzung. Diese kann in frühen Jahren entstanden sein und bis ins hohe Alter nachwirken – oder erst jetzt an die Oberfläche kommen.
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Traumafolgen im Alter: Wie häufig sie sind
Sabine Tschainer arbeitet seit über 20 Jahren zum Thema Trauma im Alter und sitzt im fachlichen Beirat der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. 2001 gründete sie das Institut „aufschwungalt“. Darüber bietet Tschainer Beratungen für Angehörige von Demenzkranken an und gibt Fortbildungen zu Traumafolgen für Pflegepersonal. Sie sagt: Alter und Trauma müssen zusammen gedacht werden.
Zahlen stützen diese Einschätzung. Bereits 2008 zeigten Forschende der Universität Leipzig in einer repräsentativen Studie, dass bis zu zwölf Prozent der damals über 60-Jährigen unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) litten. Insbesondere Personen, die den Zweiten Weltkrieg oder seine Folgen miterlebt hatten – darunter Vertreibung oder Vergewaltigung –, hatten im Alter mit Traumafolgen zu kämpfen. Dazu gehören Flashbacks und Angstträume sowie Schlafstörungen. Gleiches gilt für traumatisierende Erlebnisse im Allgemeinen, auch unabhängig von Kriegen.

Wie das Deutsche Ärzteblatt 2023 meldete, berichten zwischen 20 und 30 Prozent der deutschen Bevölkerung, sexuelle Gewalt, Misshandlung oder Ähnliches erfahren zu haben. Psycho-Gerontologin Sabine Tschainer erklärt, dass daraus aber nicht automatisch eine PTBS entstehen muss – so der Fall bei sehr resilienten, also anpassungsfähigen Personen, die nach einem katastrophalen Ereignis von einem empathischen sozialen Umfeld aufgefangen würden. Sind diese Faktoren jedoch nicht vorhanden, können sich seelische Folgestörungen entwickeln, die Betroffene nicht unbedingt als solche erkennen müssen.
Sabine Tschainer beobachtet in ihrer Arbeit immer wieder, dass Betroffene über 60 Jahre sich erst spät ihren traumatischen Erfahrungen stellen. „Es gibt Personen, die ihren Alltag scheinbar ohne Probleme meistern. Da würde niemand auf die Idee kommen – auch nicht die Betroffenen selbst –, dass etwas war“, so die Gerontologin. „Und dann kommt der Faktor ‚Altwerden‘.“
Verdrängtes Trauma: Wann es im Alter wieder aufbricht
Laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft kann ein bisher unterdrücktes Trauma im Alter auf verschiedene Weise reaktiviert werden – etwa, wenn Betroffene in Rente gehen, dadurch ungewohnt viel Zeit haben und sich plötzlich erinnern. Oder wenn das Selbstbild wegbricht, weil man als alter Mensch nicht mehr so viel leisten kann wie als junger. Gleichzeitig hat ein weiterer Faktor großen Einfluss: die Angst davor, alt und damit abhängig von Hilfe zu werden.
Ein traumatisierendes Erlebnis bedeutet laut Gerontologin Tschainer in der Regel absoluten Kontrollverlust – und diesen wollen Betroffene danach unter allen Umständen vermeiden. Besonders die Furcht vor einer Fremdbestimmung im Pflegeheim sei daher groß, sagt sie.
Und diese Furcht scheint tatsächlich begründet. Eine Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege von 2023 zeigt, dass in vielen Einrichtungen Regeln ohne Zustimmung der Bewohner aufgestellt werden und wenig abgesprochen oder erklärt wird. Ob Einrichtungen gewaltfrei und traumasensibel arbeiten, sei zudem kaum sicherzustellen, sagt eine Expertin für geriatrische Psychotraumatologie in einem Bericht von Deutschlandfunk Kultur.
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Umgang mit traumatisierten Senioren: Tipps für Angehörige
Stellt sich die Frage, wie Angehörige und Pflegepersonal damit umgehen sollen, wenn ein alter, traumatisierter Mensch Hilfe ablehnt, die er dringend benötigt. Tschainer empfiehlt, pflegebedürftigen Betroffenen das Gefühl zu geben, sie hätten die Kontrolle – sofern es die Situation erlaubt. „Ich muss meiner Mutter, meinem Vater, meiner Großmutter kommunizieren: ‚Du bist Chef.‘ Das ist ein Standardsatz in meinen Vorträgen, egal ob ich vor Profis spreche oder mit Familien“, erklärt sie.
Ich muss meiner Mutter, meinem Vater, meiner Großmutter kommunizieren: ‚Du bist Chef.‘
Sabine Tschainer, Psycho-Gerontologin
In der Umsetzung kann das der Gerontologin zufolge in Pflegeeinrichtungen so aussehen: „Pflegekräfte sollten ankündigen, was sie machen möchten. Also an der Tür einer Bewohnerin anklopfen, in der geöffneten Tür stehen bleiben und mitteilen, dass in fünf Minuten eine Dusche ansteht.“ Auch das vermittle ein Gefühl von Kontrolle. Tschainer plädiert außerdem dafür, ein „Nein“ älterer Menschen zu akzeptieren – vorausgesetzt, es gibt keine medizinischen Einschränkungen.
Für Angehörige gilt laut Tschainer das gleiche Prinzip. Zur Veranschaulichung bringt sie ein Beispiel aus der Praxis. „Ich habe mal einen Beratungsprozess für zwei Söhne gehabt, deren 83-jährige Mutter dringend eine Hüft-OP benötigte“, erzählt Tschainer. Die Mutter, eine Traumabetroffene, habe aber große Angst vor diesem Eingriff gehabt. „Die Söhne haben dann ein Vierteljahr lang die Vorteile der OP angepriesen, aber immer wieder betont: ‚Du bist die Chefin, du entscheidest.‘“ Am Ende habe sich die Frau schließlich auf die Hüft-OP eingelassen.
Hilfe für Betroffene und Angehörige
- Eine Studie im Auftrag der Bundesärztekammer hat gezeigt, dass sich ältere Menschen bei psychischen Belastungen am ehesten ihrer Hausärztin oder ihrem Hausarzt anvertrauen. Das kann ein niedrigschwelliger Schritt sein, um eine fachärztliche oder psychotherapeutische Weiterbehandlung anzustoßen.
- Auch der Sozialpsychiatrische Dienst bietet Beratung und Hilfe für Menschen mit psychischen Erkrankungen und Personen ihres sozialen Umfeldes. Bei Bedarf können Hausbesuche erfolgen. Die Angebote sind kostenlos und für alle zugänglich.
- Spezialisierter sind gerontopsychiatrische Zentren. Hier werden Menschen ab dem 60. Lebensjahr behandelt, die sich in einer seelischen Krise oder Belastungssituation befinden. Eine deutschlandweite Übersicht bietet die Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie.










