Wenn Marlene mit ihrem Mann zu uns zur Paartherapie kommt, ist der Raum sofort voll, wenn sie sich setzt. Nicht unangenehm voll – eher, als hätte jemand das Fenster zu einem belebten Marktplatz geöffnet. Ein Gedanke jagt den nächsten, ein Thema öffnet die Tür zum übernächsten. Mittendrin sitzt ihr Mann Robert, 56, und wirkt, als warte er darauf, dass jemand die Musik leiser dreht. Marlene und Robert heißen in Wirklichkeit anders. Ihre Namen wurden geändert, um ihre Anonymität zu wahren.

Marlene ist 35, die beiden haben zwei gemeinsame Kinder, und seit einigen Monaten hat sie eine Diagnose, die vieles erklärt und nichts entschuldigt: ADHS. Gestellt wurde sie erst im Erwachsenenalter. Marlene und Robert sind zu uns gekommen, weil die Diagnose längst auch ihre Beziehung betrifft – Nähe, Sexualität und Vertrauen. Marlene möchte die Beziehung öffnen, Robert erlebt das als Bedrohung ihrer Ehe. In den Sitzungen geht es deshalb um eine zentrale Frage: Was gehört zur Störung, was zur Persönlichkeit? Wie lässt sich beides voneinander unterscheiden? Und was kann dem Paar helfen?

ADHS bei Erwachsenen: Frauen werden oft spät diagnostiziert