Ai Sato grinst ein bisschen beschämt, als sie erklärt, wie sie vor einigen Jahren auf die Idee kam, die nun ihr Berufsleben bestimmt. „Ich war schon immer ein Science-Fiction-Fan“, sagt die studierte Biochemikerin. „Und Gesundheit ist mir beim Essen ein genauso großes Anliegen wie der Genuss.“ Und schon ist sie bei der herzhaften japanischen Nudelsuppe, ein schnelles, aber auch sehr salziges Wohlfühlgericht. Was läge da näher, als einen Hightech-Löffel zu erfinden, der die traditionelle Nudelsuppe etwas weniger ungesund macht?

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Genau so ein Ding steckt Ai Sato nun aus zwei Einzelteilen in weißem Plastik zusammen. Einen lauten Klicklaut macht es, als Griff und Kelle eingerastet sind. Der Löffel, den Ai Sato, Produktentwicklerin beim Lebensmittelkonzern Kirin, präpariert hat, soll potenziell bei vielen anderen salzigen Gerichten indirekt den Salzgehalt drosseln. Wie bitte? Bei Kirin, einem Unternehmen, das man in Japan vor allem für sein Bier kennt, soll der Hightech-Löffel den Weg in ein neues Geschäftssegment ebnen: Entwicklungen, die das Leben gesünder machen, ohne dass Verbraucher sonderlich viel dafür tun müssen.
Lesen Sie hier alle Tipps von Longevity-Doc Felix Bertram
Und damit liegt Kirin jedenfalls im ostasiatischen Land voll im Trend: Produkte, die das Auftreten von Beschwerden verringern sollen, drängen gerade überall auf den Markt. Dass dies gerade hier geschieht, ist kein Wunder. Nirgends auf der Welt ist die Bevölkerung so alt wie in Japan, wo schon knapp 30 Prozent zumindest 65 Jahre alt sind. Bis 2070 dürfte dieser Anteil auf 40 Prozent steigen.
Japan ist technischer Vorreiter, was langes, gesundes Leben angeht
In einem holzvertäfelten Konferenzzimmer krempelt Ai Sato ihr dunkelblaues Sakko hoch, simuliert eine Essbewegung: „Hat die Nutzerin den Löffel in der Hand und im Mund, entsteht so über Haut und Mund ein geschlossener Stromkreis.“ Je zwei Sensoren, einer am Griff und einer auf der Kelle, sorgen für die elektrische Verbindung.
Der Löffel, so die Idee, nutze einen schwachen, nicht spürbaren elektrischen Strom, um Natriumionen in Lebensmitteln zu konzentrieren. Durch die Ionen-Konzentration auf der Zunge werde der salzige Geschmack intensiviert, ohne dass tatsächlich mehr Salz hinzugefügt werden muss. Im Gegenteil sogar: Man könne bei der Zubereitung ein Drittel bis die Hälfte Salz einsparen.

Es ist nur eines von vielen Gesundheits-Gadgets, die Japans boomender Gesundheitsbranche entspringen: Laut der Marketingagentur Pulse Marketing belief sich die Wertschöpfung um Produkte und Dienstleistungen im Bereich Wellness im Jahr 2022 auf rund 240 Milliarden US-Dollar. Das entspricht ungefähr der Hälfte der gesamten jährlichen Wertschöpfung Österreichs. Japans Branche war die viertgrößte der Welt – und eine, in der viele Wachstumspotenziale erkannt werden, eben auch aus demografischen Gründen.
Toilettenhersteller wirbt mit integriertem Stuhl-Scanner
Dieser Trend war auch auf der Elektronikmesse Ceatec in Tokio neulich nicht zu übersehen. Zwischen Innovationen rund um Autos und Halbleiter drängten sich an vielen Ständen jene, die irgendwie mit Gesundheit zu tun haben. Der Stand des Konzerns Sharp etwa – den man in Europa noch für Fernseher und Taschenrechner kennt – war von „Healthtech“ und Ähnlichem geprägt. „Den Bereich wollen wir auf jeden Fall pushen“, nickte Taiyo Sekiguchi, ein Herr in weißroter Uniform, zwischen lauter Neuheiten.
Da hing zum Beispiel ein smarter Spiegel, der seinem Betrachter sagt, wie gesund er aussieht. Anhand von Falten, Hautbeschaffenheit und weiteren sichtbaren Eigenschaften soll dieser Hightech-Spiegel Tipps geben, um die Gesundheit zu verbessern. Ein ähnlicher Gedanke steckt hinter einer smarten Waage. Sie soll erkennen, welches Produkt hier gerade gewogen wird und dann die Nährwerte erklären. So werden Nutzerinnen darüber aufgeklärt, was sie essen.
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Apropos Aufklärung: Der Toilettenhersteller Toto bewarb kürzlich ein Klo samt App, mit dem die Menschen ihren Stuhl scannen können – woraufhin sie erfahren, ob die Ausscheidungen Hinweise auf eine Fehlernährung geben und worauf sie bei Lebensmitteln achten könnten. Und im Entwicklungszentrum im Süden Tokio arbeiten Forscher daran, wie ein Badezimmer insgesamt altersgerecht gestaltet sein sollte. Und simulieren mit Gewichten, wie sich Altsein anfühlt und worauf zu achten ist.
Neues aus der Wellnesswelt: Produktinnovation oder PR-Gag?
Und auf der Weltausstellung Expo in Osaka stellte eine Expo-Mitarbeiterin bei einer Tour die neuesten Errungenschaften vor. Da prognostizierte etwa eine KI-basierte Kamera aufgrund von Haaren, Zähnen, Haut und Augen, wie man bei seinem aktuellen Lebensstil in Zukunft aussehen werde – gefolgt dann auch von Produktempfehlungen, um den Alterungsprozess zu bremsen.
Ein paar Meter weiter präsentierte ein Konsortium um die Universität Osaka einen 3D-Drucker, der Rindfleisch herstellt. Durch die Entnahme von Stammzellen bei echtem Rindfleisch ist es Forschenden über die letzten Jahre gelungen, nahezu identisches Fleisch künstlich herzustellen. „In den 2030er Jahren soll der Drucker ein kommerzielles Heimgerät sein“, heißt es. „Dann kann man zum Beispiel auch einstellen, wie hoch der Fettgehalt im Fleisch sein soll.“

Aber handelt es sich bei all diesen Produkten um wirklich bahnbrechende Neuerungen oder öfter mal nur um PR-Gags? Zur Stuhlanalyse von Toto schreibt etwa das Magazin „Tokyo Weekender“, das die Entwicklung ausprobiert hat: „Die App generiert monatliche Grafiken, um Veränderungen zu visualisieren und arbeitet wiederkehrende Trends heraus. Darauf basierend gibt sie Empfehlungen, wie zum Beispiel einen erhöhten Verzehr von Gemüse.“ Eine medizinische App, betont Toto, sei es aber nicht. Dieser Hinweis ist ohnehin viel bei Produkten zu finden: Der Gebrauch ersetze keinen Arzt.
Japan: Einwohner haben weltweit höchste Lebenserwartung
Es sind Produkte und Trends, die über die kommenden Jahre auch verstärkt nach Europa schwappen dürften, glauben die Produktentwickler. Denn selbst, wenn einige davon ihr Versprechen womöglich nicht einlösen, wird die Suche nach Lösungen der wachsenden Probleme in alternden Gesellschaften zunehmen. Die demografischen Entwicklungen zeigen: Japan ist den Ländern Europas zehn bis 20 Jahre voraus. Ein Blick dorthin also könnte recht genau ein Blick in die demografische – und damit ökonomische – Zukunft Europas sein.
Dabei ist Japans Lebenserwartung von je 87 und 84 Jahren für Männer und Frauen zwar längst eine der höchsten weltweit. Aber Expertinnen sind sich sicher, dass sie noch höher sein könnte. Ein Vergleich der US-Universität Harvard zeigt etwa, dass man in Japan eben auffallend viel Salz aufnimmt – vor allem durch Würzen und Einlegen von Speisen. Bildungsoffensiven sollen die Aufnahme reduzieren – teils mit Erfolg. Höher als der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene Wert liegt der Konsum aber weiterhin.
Gesünder leben
Und damit wären wir also wieder bei Satos Suppe, die aus einer Thermoskanne etwas Ramenbrühe reicht. Und siehe da: Sie schmeckt dank der Kirin-Technologie salziger als sie tatsächlich ist. Aber ein Erfolgsschlager ist sie bisher nicht. Von der ersten Version setzten sich bis Dezember 2024 gut 2600 Stück ab. „Unsere Marktforschung ergab, dass der Löffel noch etwas zu groß war“, so Sato. Außerdem sei er wohl auch zu hochpreisig. 19.800 Yen, rund 108 Euro, sind vielen Kunden wohl schlicht zu viel Geld für einen Löffel.











