Seit einiger Zeit ist klar: Der Neandertaler ist nicht einfach verschwunden. Er lebt weiter – nicht als eigene Menschenart, wohl aber in unserem Genom. Als Neandertaler und moderne Menschen einander begegneten, blieb es nicht bei flüchtigem Kontakt. Sie bekamen gemeinsame Kinder, und ein kleiner Teil des neandertalischen Erbes blieb dauerhaft im Homo sapiens erhalten.

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Die gemeinsame Geschichte beider Linien reicht weit zurück. Ihre Vorfahren lebten vor rund einer Million Jahren in Afrika. Später trennten sich ihre Wege: Die Neandertaler breiteten sich in Europa und Westasien aus, während der moderne Mensch zunächst in Afrika blieb. Offenbar kam es mehrfach zu Begegnungen. Frühe Wanderungsbewegungen des Homo sapiens hinterließen bereits Spuren im Erbgut der Neandertaler; spätere Begegnungen sorgten dann dafür, dass auch Neandertaler-DNA in den modernen Menschen gelangte. Deshalb tragen Menschen mit Vorfahren außerhalb Afrikas bis heute einen kleinen Teil dieses Erbes in sich.
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Doch dieses Erbe ist nicht gleichmäßig verteilt. Im Laufe vieler Generationen wurde die Neandertaler-DNA im modernen Menschen in immer kleinere Fragmente zerlegt. Auffällig ist vor allem: Es gibt größere Bereiche im menschlichen Genom, in denen fast keine Neandertaler-DNA vorkommt. In der Forschung heißen diese Zonen „Neandertaler-Wüsten“ – also Abschnitte, die nahezu frei von genetischen Spuren des Neandertalers sind.
Besonders ausgeprägt sind diese Wüsten auf dem X-Chromosom, einem der beiden Geschlechtschromosomen. Frauen besitzen davon meist zwei, Männer nur eines. Gerade dort also, wo sich eine Spur aus der Frühzeit erhalten haben könnte, fehlt sie auffallend oft.
Neandertaler-DNA im Menschen: Eine neue Studie stellt alte Theorie infrage
Bislang gab es für dieses Muster vor allem eine naheliegende Erklärung: Vielleicht waren Neandertaler-Varianten auf dem X-Chromosom schlicht ungünstig und wurden deshalb im Lauf der Evolution ausgesiebt. Eine neue Studie im Fachjournal „Science“ legt nun jedoch eine andere Deutung nahe. Nicht nur natürliche Auslese könnte eine Rolle gespielt haben, sondern auch die Frage, wer mit wem Kinder bekam.
Das Forschungsteam um den Erstautor Alexander Platt von der University of Pennsylvania untersuchte Neandertaler-Genome aus einer frühen Phase der Vermischung mit modernen Menschen vor rund 250.000 Jahren. Spätere vollständige Genome aus der entscheidenden letzten Kontaktphase gibt es nicht. Zum Vergleich nutzten die Forschenden genetische Daten heutiger Bevölkerungsgruppen in Afrika, die keine Neandertaler-DNA in sich tragen.
Das Ergebnis war überraschend: Neandertaler trugen offenbar mehr Erbgut moderner Menschen in sich als bislang angenommen. Auf dem X-Chromosom sei dieser Anteil sogar um 62 Prozent höher gewesen als erwartet, heißt es in der Studie. Das deute darauf hin, dass das Ungleichgewicht nicht erst später im modernen Menschen entstanden sei. Es habe vielmehr schon früh bestanden – und zwar auch bei den Neandertalern selbst.
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Warum aber war ausgerechnet das X-Chromosom so stark betroffen? Eine mögliche Antwort hat mit dem sozialen Leben der damaligen Gruppen zu tun. In der Studie heißt es, auch bei Menschen könne es – ähnlich wie bei anderen Säugetieren – unterschiedliche Muster gegeben haben, wie Männer und Frauen zwischen Gruppen wechselten. Denkbar wäre etwa, dass Frauen häufiger in die Gemeinschaft ihres Partners zogen als umgekehrt.
Doch diese Erklärung allein reicht laut den Autoren nicht aus, um das Ausmaß des Effekts zu erklären. Als plausibelste Deutung nennen sie deshalb Vorlieben bei der Partnerwahl. Platt und seine Kollegen argumentieren, Neandertaler-Männer könnten in ihren Gruppen besonders häufig Kinder mit hybriden Frauen bekommen haben – also mit Frauen, die teils von modernen Menschen abstammten. Diese Frauen hätten dann ihre X-Chromosomen aus der Linie des Homo sapiens an die nächsten Generationen weitergegeben. So könnte sich auf dem X-Chromosom der Neandertaler nach und nach besonders viel modernes menschliches Erbgut angereichert haben.
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Homo sapiens und Neandertaler: Wie Begegnungen das Erbgut bis heute prägen
Für spätere Begegnungen beschreiben die Forschenden den umgekehrten Fall. Als sich moderne Menschen vor rund 50.000 Jahren erneut außerhalb Afrikas ausbreiteten und sich mit Neandertalern vermischten, könnte die Partnerwahl den gegenteiligen Effekt gehabt haben. Wenn Frauen aus Gruppen des Homo sapiens häufiger Männer mit Neandertaler-Abstammung wählten, dann wären deren X-Chromosomen seltener weitergegeben worden. Männer vererben ein X-Chromosom schließlich nicht an alle ihre Kinder. So könnte die Neandertaler-DNA auf dem X-Chromosom des modernen Menschen im Laufe der Zeit besonders stark zurückgegangen sein.
Die Studie behauptet allerdings nicht, damit sei alles entschieden. Auch Unterschiede im Wanderverhalten oder ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren kommen weiterhin infrage. Doch die Idee, dass nicht nur Überlebensvorteile, sondern auch Anziehung und Partnerwahl das Erbgut beider Menschengruppen geprägt haben könnten, macht den Befund plötzlich sehr konkret. Die Verteilung von DNA erzählt dann nicht mehr nur von Migration und Selektion, sondern auch davon, wer wen begehrte.









