Lange spielte sich das Leben auf der Erde im Wasser ab. Erst vor rund 475 Millionen Jahren schafften es die ersten Pflanzen, dauerhaft an Land zu überleben. Noch einmal etwa hundert Millionen Jahre vergingen, bis ihnen die ersten Wirbeltiere folgten. Und lange erzählte man sich die Geschichte so: Diese frühen Landbewohner waren vor allem Fleischfresser. Pflanzen galten als unattraktiv, weil sie zäh sind und schwer zu verdauen. Wer konnte, fraß lieber Insekten – oder gleich andere Tiere.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Nun aber bringt ein Fossil aus Kanada diese Erzählung ins Wanken. Ein internationales Forschungsteam berichtet im Fachjournal „Nature Ecology & Evolution“ von einem Tier namens Tyrannoroter heberti. In der Studie heißt es, es könne zu den frühen Landwirbeltieren gehört haben, die Pflanzen nicht nur mitfraßen, sondern anatomisch dafür gebaut waren, sie zu zerquetschen.

Spannende Achäologie-Artikel – für Sie recherchiert

Fossilfund in Kanada: Wie Tyrannoroter heberti gegen die Flut geborgen wurde

Von Tyrannoroter heberti ist bislang nur ein Kopfstück geblieben: ein versteinerter Schädel. Entdeckt wurde er 2023 auf der kanadischen Kap-Breton-Insel im Nordatlantik – und zwar nicht von einem großen Forschungsteam, sondern vom Hobbypaläontologen Brian Hebert, nach dem die Art benannt wurde. Der Gattungsname Tyrannoroter ist ein Wortspiel: Frei übersetzt lässt er sich als „Heberts Tyrannengräber“ lesen und spielt auf die mühsame Bergung an.

„Wenn wir dort arbeiten, arbeiten wir gegen die Flut“, sagt Studienautor Arjan Mann. Die Fossilien stecken außerdem in steilen Klippen direkt am Ufer, das Gelände ist felsig, und immer wieder können Steine abbrechen.

Auch interessant

Erste Landwirbeltiere als Pflanzenfresser: Zähne als Beweisstück

Gerettet war damit nur ein Schädel – aber einer, der Fragen beantwortet. Und zwar ausgerechnet die wichtigste: Wovon hat das Tier gelebt? Um das herauszufinden, nahmen die Forschenden den Fund mit einer Computertomografie (CT) unter die Lupe – vereinfacht gesagt einem besonders präzisen Röntgenverfahren. Dabei entstehen viele feine Schichtaufnahmen, aus denen sich am Computer ein dreidimensionales Modell zusammensetzen lässt, ohne den Schädel zu beschädigen.

In diesem digitalen Modell entdeckte das Team ein Detail, das in eine klare Richtung weist: Neben den üblichen Zahnreihen saß eine zusätzliche Zahnreihe am Gaumen. In der Studie schreiben die Forschenden, diese „Extra-Zähne“ eigneten sich besonders gut, um Pflanzenmaterial zu zerdrücken. Darauf deuteten nicht nur Form und Anordnung hin, sondern auch winzige Abnutzungsspuren. Sie passten, so die Autoren, eher zu wiederholtem Schneiden und Mahlen als zu dem schnellen Zupacken eines reinen Jägers.

Auch die Kopfform spricht für Arbeit im Kiefer. Der Schädel ist eher dreieckig, was das Team als Hinweis auf kräftige Kaumuskeln deutet. Um zähe, faserige Pflanzenteile kleinzubekommen, reichen Zähne allein nicht aus: Es braucht Bisskraft – und einen Kiefer, der die dauernde Mahlbewegung durchsteht.

Ernährung früher Landwirbeltiere: Warum Tyrannoroter wohl Mischkost fraß

Trotzdem war Tyrannoroter vermutlich kein reiner Pflanzenfresser. In der Studie gehen die Forschenden davon aus, dass er auch Insekten fraß – vielleicht sogar kleine Wirbeltiere. Genau diese Mischung könnte erklären, wie Pflanzenkost überhaupt möglich wurde. Als möglichen evolutionären Umweg skizziert die Studie, dass manche frühen Formen zunächst Insekten mit harter Chitinhülle fraßen. Chitin ist schwer zu verdauen; wer daran angepasst ist, könnte später auch faserige Pflanzen leichter verwerten. Das bleibt eine Hypothese – passt aber, so die Autoren, als Brücke in das größere Bild.

Auch interessant

Urzeit-Fossil aus Kanada: Warum Tyrannoroter wie eine Eidechse aussah – aber keine war

Auch wie groß Tyrannoroter war, lässt sich nur schätzen, weil vom restlichen Körper bisher jede Spur fehlt. Aus Funden naher Verwandter schließen die Forschenden, dass er etwa 30 Zentimeter lang gewesen sein dürfte – ungefähr so groß wie eine größere Eidechse. Für heutige Maßstäbe ist das klein, in seiner Zeit aber war es beachtlich: Der Studie zufolge gehörte Tyrannoroter zu den größeren Landtieren seiner Epoche.

Auch sein Körper dürfte wie eine Eidechse ausgesehen haben. Doch eine Eidechse war er nicht. Tyrannoroter lebte so früh, dass sich die Linien, aus denen später Reptilien und Säugetiere hervorgingen, noch nicht sauber getrennt hatten. Zeitlich ordnet die Studie das Tier ins Karbon ein, vor rund 307 Millionen Jahren. Damals war das Gebiet des heutigen Nova Scotia eine warme, sumpfige Küstenlandschaft. Dinosaurier gab es noch nicht – Tyrannoroter ist mehr als 70 Millionen Jahre älter als die ersten Dinosaurier.

Auch interessant

Evolution der Pflanzenfresser: Wie Tyrannoroter die Lehrmeinung über frühe Landwirbeltiere verändert

Gerade diese Zeitmarke macht den Fund folgenreich: Wenn ein Tier aus dem Karbon bereits auf Pflanzen eingestellt war, gerät die bisherige Reihenfolge der Evolution ins Rutschen. Bisher nahmen viele Forschende an, dass „echte“ Pflanzenfresser an Land erst später auftauchten – nämlich bei den frühen Amnioten, also bei den Vorfahren von Reptilien, Vögeln und Säugetieren. Diese Tiere waren in einem entscheidenden Punkt unabhängiger vom Wasser: Sie konnten sich an Land fortpflanzen, weil ihre Eier nicht sofort austrockneten. Weil sie damit „wirklich“ an Land gebunden waren, verortete man viele Anpassungen ans Landleben lange bei ihnen. In der Studie schreibt Arjan Manns Team, Pflanzenfressen habe deshalb als „späte Erfindung“ dieser Linie gegolten.

Hinzu kommt: Tyrannoroter steht nach Einschätzung der Forschenden für eine zweite Stufe des „Landgangs“. Er gehörte zu einer Gruppe, die nicht nur gelegentlich an Land auftauchte, sondern dort offenbar dauerhaft leben konnte. Mann erklärt, diese Tiere hätten sich ans Leben fern vom Wasser angepasst – auch bei der Fortpflanzung. Und obwohl Tyrannoroter noch nahe am Anfang dieser Entwicklung steht, war er, wie es in der Studie heißt, bereits auffällig spezialisiert: ein frühes Landtier, das in manchen Punkten schon erstaunlich weit war.