Chronische Verstopfung ist kein Randproblem. Schätzungen zufolge ist etwa jeder zehnte Erwachsene betroffen, bei älteren Menschen noch deutlich mehr. Die Beschwerden reichen von seltenem Stuhlgang über hartnäckiges Pressen bis hin zu Blähungen und Bauchschmerzen und schränken die Lebensqualität oft erheblich ein.

Jeden 2. Sonntag
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Viele Betroffene greifen zu altbekannten Hausmitteln: Flohsamenschalen, Trockenfrüchte, Vollkornprodukte oder pflanzliche Abführmittel wie Sennesblätter. Doch was davon wirkt tatsächlich? Und warum rücken ausgerechnet frische Kiwis immer stärker in den Fokus der Forschung? Eine große internationale Auswertung liefert darauf nun differenzierte Antworten.
Auch interessant
75 Studien ausgewertet – mit strengen Kriterien
Ein internationales Forschungsteam hat 75 randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) zur Ernährungstherapie bei chronischer Verstopfung analysiert. RCTs gelten als besonders aussagekräftig, weil sie Behandlungs- und Vergleichsgruppen systematisch gegenüberstellen.
Untersucht wurde, wie sich bestimmte Lebensmittel, Getränke und Nahrungsergänzungsmittel auswirken auf die Häufigkeit des Stuhlgangs, die Stuhlkonsistenz, Beschwerden wie Pressen, Blähungen oder Schmerzen, die Lebensqualität sowie mögliche Nebenwirkungen.
Auch interessant
Die Empfehlungen wurden nach dem international anerkannten GRADE-System bewertet. In die Leitlinien aufgenommen wurden nur Aussagen, die durch mindestens zwei Studien gestützt waren und bei denen sich in einem Expertenverfahren eine breite Zustimmung zeigte.
Das Ergebnis: Einige weitverbreitete Empfehlungen halten der wissenschaftlichen Prüfung nicht stand. Andere – darunter frische Kiwis – schneiden überraschend gut ab.
Kiwis wirken – teils besser als Flohsamenschalen
Mehrere Studien zeigen, dass der regelmäßige Verzehr frischer Kiwis den Stuhlgang messbar fördert. In einzelnen Untersuchungen wirkte die Frucht sogar stärker als Flohsamenschalen (Psyllium), die als Klassiker unter den natürlichen Abführhilfen gelten.
In einer neuseeländischen Studie aßen Menschen mit chronischer Verstopfung vier Wochen lang täglich zwei Kiwis. Im Schnitt kam es zu rund eineinhalb zusätzlichen Stuhlentleerungen pro Woche. Zum Vergleich: Mit Flohsamenschalen waren es nur etwa 0,7 zusätzliche Entleerungen.
Auch interessant
Neben der Häufigkeit verbesserte sich auch das subjektive Darmwohlbefinden deutlich. Als mögliche Erklärung gilt, dass Kiwis nicht nur quellende Ballaststoffe enthalten, sondern auch Substanzen, die die Schleimproduktion im Darm anregen und so die Passage erleichtern.
Wichtig: Dieser Effekt wurde nur für frische Kiwis beobachtet. Kapseln, Pulver oder Nahrungsergänzungsmittel mit Kiwiextrakt zeigten in den Studien keine vergleichbare Wirkung.
Was ebenfalls nachweislich helfen kann
Auch andere Maßnahmen zeigten in den ausgewerteten Studien messbare Effekte. Flohsamenschalen (Psyllium) erhöhen die Stuhlfrequenz deutlich, machen den Stuhl weicher und verringern das Pressen beim Toilettengang. Besonders klar fiel das Ergebnis bei Magnesiumoxid aus: In den Untersuchungen kam es im Schnitt zu fast vier zusätzlichen Stuhlentleerungen pro Woche, der Stuhl wurde deutlich weicher und viele Teilnehmende berichteten über ein verbessertes Wohlbefinden.
Auch interessant
Das Probiotikum Bifidobacterium lactis kann den Stuhlgang ebenfalls häufiger machen, zeigte jedoch kaum Wirkung auf Schmerzen, Blähungen oder hartnäckige Beschwerden. Es wird deshalb nur zurückhaltend empfohlen, gilt aber als gut verträglich. Roggenbrot förderte den Stuhlgang im Vergleich zu Weißbrot, führte allerdings häufiger zu Blähungen. Auch mineralstoffreiches Wasser – insbesondere mit viel Magnesium und Sulfat – sorgte bei vielen Studienteilnehmenden für eine Besserung, hatte jedoch keinen klaren Einfluss auf Schmerzen oder die Stuhlkonsistenz.
Überraschend wenig brachten dagegen einige Mittel, die oft empfohlen werden. Für Sennesblätter (Senna), Synbiotika – also Kombinationen aus Pro- und Präbiotika – sowie bestimmte Ballaststoffe wie Inulinmischungen oder Polydextrose ließ sich keine verlässliche Wirkung nachweisen. Auch Kiwi-Präparate in Kapsel- oder Pulverform zeigten keinen Effekt auf die Verdauungsbeschwerden.
Einschränkungen der Studie
Trotz der großen Zahl ausgewerteter Studien weisen die Forschenden selbst auf wichtige Einschränkungen hin. Viele Untersuchungen waren klein oder liefen nur über wenige Wochen. Dosierungen und Studiendauer unterschieden sich stark, was die Vergleichbarkeit erschwert. Zudem wurden kaum ganze Ernährungsweisen untersucht, sondern meist einzelne Lebensmittel oder Präparate.
Lesen Sie auch
Bei Lebensmitteln ist ein klassischer Placebo-Vergleich kaum möglich, sodass Erwartungen das Ergebnis beeinflussen könnten. Hinzu kommt, dass einige Studien – etwa im Bereich der Probiotika – von Herstellern finanziert wurden. Auch in den Leitlinien zeigt sich: Ein Teil der Empfehlungen beruht auf niedriger oder sehr niedriger Evidenz, nur wenige Aussagen sind moderat abgesichert.











