Mit 30 beginnen viele, ihr Leben neu zu vermessen. Im englischen Slang heißen diese Jahre „Dirty Thirty“ – das Alter, in dem, so beschreibt es das Online-Wörterbuch Urban Dictionary, manche Frauen „erkennen, dass ihre biologische Uhr tickt“. Auch Männer spüren den Einschnitt, oft verbunden mit der Frage nach Familie, Sinn oder verpassten Chancen.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Doch während der 30. Geburtstag vor allem ein psychologischer Wendepunkt ist, zeigen neue Forschungen des China National Center for Bioinformation und des Beijing Institute of Genomics der Chinese Academy of Sciences in Zusammenarbeit mit der University of Chinese Academy of Sciences, dass der eigentliche biologische Einschnitt deutlich später kommt. Die Ergebnisse, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Cell“, zeichnen ein deutliches Bild davon, wann und wie unsere Organe altern – und welche Gewebe zuerst betroffen sind.

Organalterung im Labor: Wie Forscher mit 516 Gewebeproben das biologische Altern entschlüsseln

Für ihre Analyse nutzten die Wissenschaftler Gewebeproben von 76 verstorbenen Organspendern im Alter von 14 bis 68 Jahren. Die Spender waren an unfallbedingten Hirnverletzungen gestorben und nicht an chronischen Krankheiten. Dies ermöglicht laut den Forschern besonders aussagekräftige Rückschlüsse auf den natürlichen Alterungsprozess der Gewebe.

Insgesamt wurden 516 Proben aus 13 verschiedenen Organen und Gewebetypen untersucht, darunter Herz und Aorta, Leber, Bauchspeicheldrüse und Darm, Milz und Lymphknoten, Nebennieren, weißes Fettgewebe, Lunge, Haut und Muskeln. Zusätzlich wurden Blutproben analysiert.

Die Forscher kartierten für jedes Gewebe die vorhandenen Proteine und verfolgten, wie sich deren Konzentrationen mit dem Alter der Spender veränderten. Proteine eignen sich besonders gut als Indikator, da sie nahezu alle biologischen Prozesse steuern und ihre Veränderungen Rückschlüsse auf Funktion, Gesundheit und Alter eines Organs zulassen.

Lesen Sie auch

Der Wendepunkt: Ab 50 altert der Körper schneller

Die Auswertung der Proben zeigt ein klares Muster: In allen Geweben verändern sich mit den Jahren bestimmte Eiweiße – doch ab etwa dem 50. Lebensjahr beschleunigt sich dieser Prozess deutlich. „Die zeitliche Analyse ergab eine Alterungswende um das 50. Lebensjahr, wobei Blutgefäße ein Gewebe sind, das früh altert und besonders anfällig für Alterungsprozesse ist“, erklärt das Forschungsteam.

Besonders zwischen dem 45. und 55. Lebensjahr registrierten die Wissenschaftler einen sprunghaften Anstieg bestimmter Proteine. Viele dieser Moleküle sind bereits als Risikofaktoren für Krankheiten wie Arterienverkalkung, Diabetes oder Bluthochdruck bekannt.

Ein Protein stach dabei besonders hervor: GAS6 (Growth Arrest–Specific 6). Unter normalen Bedingungen ist es an wichtigen Prozessen wie Zellteilung, Blutgerinnung und Gewebereparatur beteiligt. In erhöhter Konzentration jedoch scheint es den Alterungsprozess zu beschleunigen. In den Gewebeproben älterer Spender war GAS6 auffällig stark vertreten. Tierversuche mit Mäusen bestätigten den Verdacht: Die Verabreichung von GAS6 führte zu spürbaren Alterungserscheinungen – schwächere Muskulatur, geringere Ausdauer, schlechtere Balance und deutliche Schäden an den Blutgefäßen.

Lesen Sie auch: ADHS im Alter wird leicht verwechselt – „sogar mit Demenz“

Blutgefäße als Taktgeber des Alterns – warum die Aorta so entscheidend ist

Unter allen untersuchten Geweben fiel eines besonders ins Auge: die Aorta, die größte Schlagader des Körpers. Sie zeigte nicht nur die frühesten, sondern auch die ausgeprägtesten Alterungsspuren.

Die Forscher vermuten, dass Blutgefäße wie eine Art „Schaltzentrale“ für Alterungssignale wirken. Gerät dieses System aus dem Gleichgewicht, leidet der gesamte Organismus – oft lange bevor in anderen Organen erste Schäden sichtbar werden.

„Blutgefäße könnten wie Verkehrswege wirken, die alterungsfördernde Stoffe im Körper verteilen“, erklärt Guanghui Liu, Hauptautor der Studie, im Gespräch mit dem Fachmagazin „Nature“.

Lesen Sie auch

Organalterung im Vergleich – welche Gewebe am schnellsten altern

Die detaillierte Analyse der Proteinzusammensetzung ermöglichte es den Forschern, für jedes Organ einen individuellen Alterungspfad zu zeichnen. Daraus ergab sich eine Rangliste, die zeigt, welche Gewebe besonders früh und schnell altern – und welche vergleichsweise stabil bleiben.

  • Aorta und Blutgefäße: Erste messbare Veränderungen treten laut der Studie teilweise schon ab dem 30. Lebensjahr auf. Der entscheidende Alterungsschub erfolge jedoch erst zwischen dem 45. und 55. Lebensjahr, wenn die Gefäßstruktur deutlich an Elastizität und Funktion verliert.
  • Nebenniere: Das hormonproduzierende Organ zeigt nach Angaben der Forscher bereits um das 30. Lebensjahr erste Alterungsspuren. Es reagiere besonders empfindlich auf Veränderungen im Stoffwechsel.
  • Milz, Lymphknoten und Muskulatur: Zwischen Mitte 40 und Mitte 50 verschlechtert sich hier laut der Untersuchung die Abstimmung zwischen genetischer Steuerung und Proteinsynthese. Reparaturmechanismen arbeiten weniger effizient, die Gewebefunktion nimmt ab.
  • Leber, Haut und Verdauungstrakt: Diese Organe altern vergleichsweise gleichmäßig. Bis ins höhere Alter zeigen sie laut den Autoren keine abrupten Wendepunkte, ihre Proteinzusammensetzung bleibt weitgehend stabil.

Die Forscher betonen, dass diese Unterschiede im Alterungstempo erklären könnten, warum bestimmte Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Leiden bereits in den Fünfzigern häufiger auftreten, während Probleme in anderen Organsystemen oft erst deutlich später erkennbar werden.

Auch interessant: Herzinfarkt mit 58: Die Früh-Symptome schob Michael beiseite

Forschung für ein gesünderes Altern – neuer Proteom-Atlas soll Alterungsprozesse entschlüsseln

Genau hier setzt die weitere Arbeit der Forscher an: Sie wollen nicht nur dokumentieren, welche Organe wann altern, sondern auch die zugrunde liegenden Mechanismen systematisch entschlüsseln. „Unsere Studie zielt darauf ab, einen umfassenden Proteom-Atlas für mehrere Gewebe zu erstellen, der den gesamten menschlichen Alterungsprozess über 50 Jahre hinweg abdeckt, die Mechanismen hinter dem Ungleichgewicht der Proteostase in gealterten Organen aufzuklären und sowohl universelle als auch gewebespezifische Alterungsmuster aufzudecken“, schreiben die Autoren.

Laut dem Forschungsteam könnten diese Erkenntnisse langfristig die Entwicklung gezielter Interventionen gegen das Altern und altersbedingte Krankheiten erleichtern. Das erklärte Ziel sei es, nicht nur die Lebensdauer, sondern vor allem die Gesundheitsspanne – also die Jahre, in denen Menschen körperlich und geistig fit bleiben – zu verlängern.