Paracetamol – international auch unter dem Namen Acetaminophen bekannt – gilt als eines der sichersten und am häufigsten verwendeten Schmerzmittel weltweit. Es lindert Fieber, bekämpft Schmerzen und ist in vielen Ländern rezeptfrei erhältlich. In den USA ist es in über 600 verschiedenen Medikamenten enthalten, auch in Deutschland ist es in jeder Apotheke zu bekommen.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Doch während Millionen Menschen regelmäßig zur Tablette greifen – oft ohne Rücksprache mit einem Arzt –, werfen neue Forschungsergebnisse aus den USA eine Frage auf: Wie sicher ist Paracetamol wirklich, wenn es nicht Schmerzen lindert, sondern auch unser kognitiven Leistungen beeinflusst?

Paracetamol und Psyche: Wirkung auf Risikoverhalten entdeckt

Die jüngst im Fachjournal „Social Cognitive and Affective Neuroscience“ veröffentlichte Studie legt nahe, dass Paracetamol auch psychologische Prozesse beeinflusst – insbesondere das Empfinden von Risiko. In einer Reihe von kontrollierten Experimenten mit mehr als 500 Studierenden zeigte sich: Wer eine Einzeldosis Paracetamol einnahm, traf in Tests risikofreudigere Entscheidungen als die Teilnehmer der Placebo-Gruppe.

„Acetaminophen scheint dazu zu führen, dass Menschen weniger negative Emotionen empfinden, wenn sie riskante Aktivitäten in Betracht ziehen – sie haben einfach weniger Angst“, erklärte der Studienleiter Baldwin Way, Assistenzprofessor für Psychologie an der Ohio State University, bei der Veröffentlichung.

Lesen Sie auch

Ballon-Experiment: Schmerzmittel und Mutmacher?

In einem der Hauptversuche spielten die Studierenden ein einfaches Risikospiel: Sie sollten einen virtuellen Ballon auf dem Bildschirm aufblasen. Jeder Klick brachte ihnen imaginäres Geld – doch platzte der Ballon, war der Gewinn verloren.

Way erklärt: „Wenn man risikoscheu ist, pumpt man vielleicht ein paar Mal und entscheidet sich dann, das Geld einzustreichen, weil man nicht will, dass der Ballon platzt und man sein Geld verliert. Aber bei denjenigen, die Paracetamol einnehmen, glauben wir, dass sie mit zunehmender Größe des Ballons weniger Angst und weniger negative Emotionen darüber empfinden, wie groß der Ballon wird und dass er platzen könnte.“

Die Resultate waren klar: Teilnehmer, die Paracetamol erhalten hatten, pumpten den Ballon im Durchschnitt häufiger auf und ließen ihn öfter platzen als jene in der Kontrollgruppe – ein Hinweis auf die gesteigerte Risikobereitschaft.

Lesen Sie auch: Schmerzmittel mit Kaffee: Pharmakologe erklärt, was passiert

Schmerzmittel beeinflussen Entscheidungsprozesse

In weiteren Tests wurden die Teilnehmenden gebeten, alltägliche Risiken in hypothetischen Szenarien einzuschätzen – etwa eine Sportwette zu verlieren, einen Bungee-Sprung zu wagen oder unangeschnallt Auto zu fahren. Auch hier zeigte sich ein Muster: Wer Paracetamol eingenommen hatte, bewertete die potenzielle Gefahr häufig geringer als die Teilnehmer der Placebo-Gruppe.

Die Ergebnisse waren nicht in allen Fällen eindeutig, doch die Richtung war klar. „Acetaminophen scheint emotionale Reaktionen auf riskante Situationen zu reduzieren“, sagt Studienleiter Baldwin Way.

Lesen Sie auch

Paracetamol und emotionale Dämpfung: Empathie und Kognition betroffen?

Die Risikofreude unter dem Einfluss von Paracetamol ist kein Einzelfund. Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass der Wirkstoff auch andere psychologische Prozesse beeinflussen kann. So scheint er etwa die emotionale Reaktion auf soziale Zurückweisung abzuschwächen und das Einfühlungsvermögen zu senken. Auch Hinweise auf eine Beeinträchtigung der kognitiven Leistungsfähigkeit existieren.

Die zugrunde liegende Hypothese: Schmerz und Gefühl sind im Gehirn enger verwoben, als lange angenommen. „Die Grenze zwischen körperlichem Schmerz und emotionalem Unwohlsein ist nicht klar gezogen – beides aktiviert ähnliche Hirnregionen“, erklärt Studienleiter Way. Wer also regelmäßig Paracetamol einnimmt, könnte nicht nur körperlich unempfindlicher werden, sondern auch emotional abgestumpfter – weniger empfänglich für Angst, Unsicherheit oder Mitgefühl.

Way warnt: „Da fast 25 Prozent der Bevölkerung in den USA jede Woche Acetaminophen einnehmen, könnten eine verminderte Risikowahrnehmung und eine erhöhte Risikobereitschaft erhebliche Auswirkungen auf die Gesellschaft haben.“

Auch interessant: Medikamente im Sommer: Worauf Sie bei Hitze achten müssen

Nebenwirkungen von Paracetamol: Mehr Forschung dringend nötig

Noch sind die Erkenntnisse nicht endgültig. Auch die Forscher selbst betonen: Ihre Ergebnisse liefern erste Hinweise, aber noch keine belastbaren Beweise. Die beobachteten Effekte waren statistisch signifikant, doch eher subtil. Möglich ist auch, dass andere psychologische Faktoren – etwa eine verminderte Angstreaktion oder eine veränderte Aufmerksamkeitssteuerung – zur erhöhten Risikobereitschaft beitragen.

Dennoch plädieren die Wissenschaftler für Vorsicht. Gerade weil Paracetamol so verbreitet ist und oft rezeptfrei und ohne ärztliche Rücksprache eingenommen werden, könnten selbst geringe psychologische Nebenwirkungen gesellschaftlich relevant sein. „Wir brauchen wirklich mehr Forschung zu den Auswirkungen von Paracetamol und anderen rezeptfreien Medikamenten auf unsere Entscheidungen und das Risiko, das wir eingehen“, fordert Way.

Denn was genau im Gehirn geschieht, wenn Paracetamol emotional dämpft oder das Verhalten verändert, ist bislang kaum verstanden. Die biologischen Mechanismen hinter der veränderten Risikowahrnehmung sind weitgehend unerforscht. Auch offen bleibt, ob sich diese Effekte bei dauerhafter Einnahme – etwa im Rahmen einer chronischen Schmerztherapie – verstärken könnten.