Von außen betrachtet scheint das Alter eine einfache Sache zu sein: ein Geburtsdatum, eine Zahl, vielleicht ein paar Falten. Doch wer sich schon einmal mit Gleichaltrigen verglichen hat, weiß: 50 ist nicht gleich 50. Manche Menschen wirken zehn Jahre jünger, andere zehn Jahre älter. Und das ist nicht nur Gefühl oder Glückssache, sondern messbar.

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Ein Forscherteam um Ethan Whitman von der Duke University hat ein Verfahren entwickelt, das auf erstaunlich einfache Weise verrät, wie schnell der Körper eines Menschen tatsächlich altert. Das Verfahren kombiniert jahrzehntelange Gesundheitsdaten mit moderner Künstlicher Intelligenz (KI) und wirft dabei auch einen Blick ins Gehirn.

Biologisches Alter statt Geburtsdatum: Die neue Metrik fürs Altern

Ziel der Forschenden war es, das biologische Alter präziser zu bestimmen als mit bisherigen Methoden. Denn klassische Blut- oder Urintests liefern oft nur begrenzte Aussagen. Selbst die vielzitierte epigenetische Uhr – sie misst chemische Veränderungen am Erbgut – bleibt im klinischen Alltag schwer zugänglich und wenig zuverlässig.

Die Grundlage für das neue Verfahren stammt aus einer Langzeitstudie: Über 1.000 Personen, geboren in den Jahren 1972 und 1973 in Dunedin, Neuseeland, wurden über Jahrzehnte hinweg regelmäßig medizinisch untersucht. Blutdruck, BMI, Glukosespiegel, Zahngesundheit – all das floss in einen einzigen Wert: die „Pace of Aging“. Ein Maß dafür, wie schnell ein Körper tatsächlich altert – unabhängig vom Kalender.

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KI erkennt Alterung: Wie Hirnscans das biologische Tempo sichtbar machen

Die Forscher nutzten diese Daten, um ein KI-Modell zu trainieren, das aus einem Hirnscan individuelle Alterungsprozesse erkennt. Genutzt wurden dafür bildgebende Merkmale wie die Dicke der Hirnrinde, das Volumen der grauen Substanz oder die Struktur der weißen Fasern im Gehirn.

Das Ergebnis: Ein einziger Hirnscan reichte aus, um festzustellen, ob jemand schneller altert als andere – oder langsamer.

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Demenzrisiko und kognitive Leistung: Was der Alterungs-Score verrät

In einem nächsten Schritt wurde das Verfahren an über 50.000 Hirnscans von Menschen im Alter zwischen 22 und 98 Jahren aus Studien in Nord- und Südamerika sowie Großbritannien getestet. Anschließend verglichen die Forscher die biologischen Alterungsscores mit den Ergebnissen von Gedächtnis- und Funktionstests.

Die Ergebnisse waren eindeutig – mit ernüchternden Erkenntnissen für die biologisch „älteren” Teilnehmer. Denn Menschen, die diesem Score zufolge schneller alterten, schnitten in diesen kognitiven Tests nicht nur schlechter ab – teils schon in jungen Jahren –, sondern waren im späteren Leben auch deutlich anfälliger für Krankheiten wie Demenz oder Herzleiden. Auch der Hippocampus, jene Hirnregion, die für das Erinnerungsvermögen von zentraler Bedeutung ist, schrumpfte bei ihnen schneller.

„Der Zusammenhang zwischen dem Altern des Gehirns und des Körpers ist ziemlich überzeugend“, schreibt Studienleiter Ahmad Hariri im Bericht, der im Fachblatt „Nature Aging“ veröffentlicht wurde. „Der Algorithmus scheint etwas einzufangen, das sich in allen Gehirnen widerspiegelt.“

Doch der Algorithmus prognostiziert nicht nur geistigen Verfall. Auch körperlich scheinen die „Fast Agers“, wie die Wissenschaftler sie nennen, in einem beschleunigten Modus zu leben – und zu altern. Die KI identifizierte, dass die „Fast Agers“ im Durchschnitt gebrechlicher waren, häufiger an Herz- und Lungenerkrankungen litten und mehr Schlaganfälle erlitten. Zudem lag ihre Sterblichkeitsrate deutlich über dem Durchschnitt.

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Alterungsuhr für die Medizin: Potenzial und ethische Fragen

Das Forschungsteam hofft, dass ihr Verfahren künftig in der medizinischen Praxis eingesetzt wird – etwa in der Prävention, bei der Risikoberatung oder für personalisierte Therapien. Kombiniert mit epigenetischen Daten könnte der Hirnscan-Score Patientinnen und Patienten dabei helfen, gezielt gegenzusteuern: durch Ernährung, Bewegung, Stressreduktion.

Zugleich wirft das Verfahren jedoch auch ethische Fragen auf: Was tun mit einem Ergebnis, das dem Einzelnen ein „zu schnelles Altern“ bescheinigt, noch bevor sich Symptome zeigen? Wie gehen Menschen mit einer solchen Diagnose um, die nicht krank macht, aber Sorgen bereitet? Und: Wollen wir überhaupt wissen, wie es um unsere Lebenszeit bestellt ist?

Die Methode ist noch nicht bereit für den klinischen Alltag, betonen die Forschenden. Sie müsse weiter validiert und verbessert werden. Doch ihr Potenzial ist klar: Sie könnte nicht nur unser Verständnis vom Altern verändern, sondern auch unsere Vorstellung von Gesundheit, Risiko – und Zukunft.