Morgenpost-Gespräch

Thilo Sarrazin: Ich bin kein Rassist

Die morgige Buchveröffentlichung des ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin (SPD) sorgt weiter für heftige Diskussionen. Am Wochenende erhielt der Bundesbank-Vorstand erstmals auch Unterstützung von prominenter Seite. Sarrazin selbst meldete sich ebenfalls zu Wort. In einem großen Gespräch mit der Berliner Morgenpost wehrte er sich gegen Vorwürfe und sagte: "Ich bin kein Rassist."

Hessens scheidender Ministerpräsident Roland Koch (CDU) unterstützte gestern Sarrazin: Im Hessischen Rundfunk warnte er davor, das Thema Zuwanderer auszublenden. Immerhin stecke viel Lebenserfahrung in den Berichten Sarrazins. "Ich halte nichts davon, dass das, was er sagt, in diese üblichen Politikreflexe hineingeschoben wird: Darüber darf man nicht reden! Das ist tabuisiert!", sagte Koch. Allerdings nannte Koch die Thesen Sarrazins "eine sehr rückwärtsgewandte, pessimistische Beschreibung der Zustände, ohne sich eigentlich ernsthaft mit den Optionen und Chancen zur Lösung zu beschäftigen". Sarrazins Ansatz sei unpolitisch und gehe oft "ins Zynische" hinein.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, stimmte den umstrittenen Thesen Sarrazins teilweise zu. "Die Äußerungen von Herrn Sarrazin haben einen berechtigten Kern, wo sie auf unsere Fehler bei der Selektion und der Integration hinweisen." Auch könne man eigene Integrationsanstrengungen von Zuwanderern einfordern. "Wir brauchen aber dringend qualifizierte Einwanderer auch aus anderen Kulturen." Das sei wichtig für den Wirtschaftsaufschwung.

Interview löst neue Diskussionen aus

Die Berliner Morgenpost hatte Sarrazin am vergangenen Freitag zu einem großen Gespräch nach Kreuzberg eingeladen. Dieses Interview sorgte gestern bereits vor der Veröffentlichung für neue Diskussionen. Nachdem mehrere Nachrichtenagenturen Auszüge veröffentlicht hatten, in denen Sarrazin auf die Frage, ob es eine genetische Identität gebe, sagte: "Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden", meldete sich der Zentralrat der Juden in Deutschland zu Wort.

Generalsekretär Stephan Kramer sagte gestern, es sei seit Langem bekannt, dass die meisten Angehörigen einer Volksgruppe einen gemeinsamen geografischen oder genetischen Ursprung haben. "Wer die Juden über ihr Erbgut zu definieren versucht, auch wenn das vermeintlich positiv gemeint ist, erliegt einem Rassenwahn, den das Judentum nicht teilt", so Kramer weiter. "Juden, die nachdenken, werden sich weder aufhetzen lassen, noch Sarrazin auf den Leim gehen."

Die erste türkischstämmige und muslimische Ministerin in Deutschland, die niedersächsische Sozialministerin Aygül Özkan (CDU), warf Sarrazin in der "Bild am Sonntag" vor, Migranten mit seinen umstrittenen Thesen zu verletzen und pauschal zu diskreditieren. "Es gibt unendlich viele fleißige Zuwanderer - diese verdienen Respekt, nicht Häme", sagte sie. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), warf Sarrazin an gleicher Stelle vor, "stets nur die halbe Wahrheit" zu nennen. Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) rechnet inzwischen mit Anzeigen gegen Sarrazin wegen Volksverhetzung.

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, forderte die Bundesregierung auf, "ein Verfahren zur Absetzung von Thilo Sarrazin als Bundesbank-Vorstand einzuleiten". Der "Frankfurter Rundschau" sagte er, Sarrazins Buch sei "die Krönung eines neuen intellektuellen Rassismus".

Sarrazin selbst wehrt sich im Morgenpost-Interview gegen die Vorwürfe und kündigt an, in der SPD bleiben zu wollen. "Bei der Armutsbekämpfung entwerfe ich doch genau ein Szenario, das den Arbeitslosen den Einstieg in die Arbeitswelt und sozialen Aufstieg ermöglichen soll. Das ist sehr sozialdemokratisch." Gleichzeitig legte er nach: Muslimische Migranten würden sich deutlich schlechter integrieren als andere Einwanderergruppen. Die Ursachen dafür lägen offenbar in der Kultur des Islam. "Dies wird besonders deutlich, wenn man die Integrationserfolge von Pakistani und Indern in Großbritannien vergleicht", sagte Sarrazin.