Hamburg - Die Schauspielerin Inge Meysel ist tot. Die als "Mutter der Nation" bekannt gewordene Schauspielerin starb am Sonnabend im Alter von 94 Jahren in ihrem Haus in Bullenhausen bei Hamburg. "Inge starb friedlich im Schlaf. Sie hatte keine Schmerzen, als sie von uns gegangen ist", sagte ihr Betreuer Peter Knuth. Sie habe einen Herzstillstand erlitten. Zuletzt hatte die an Altersdemenz erkrankte Schauspielerin unter den Folgen eines Oberschenkeltrümmerbruches gelitten. Vergangenen Monat hatte sich ihr Zustand dramatisch verschlechtert.

Bundespräsident Horst Köhler reagierte betroffen auf die Nachricht vom Tod Inge Meysels. "Unvergessen bleibt ihr couragierter Einsatz für die Gesellschaft. Ihr Mut und ihre Menschlichkeit war vielen ein Vorbild. Deutschland hat Inge Meysel viel zu verdanken", sagte er. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) würdigte Inge Meysel als "große Künstlerin und Charakterdarstellerin von Rang". "Sie war nicht nur eine wunderbare Schauspielerin, sondern auch eine politische Persönlichkeit, die sich zeit ihres Lebens für Gleichberechtigung und Demokratie stark gemacht hat", sagte Wowereit. Die gebürtige Berlinerin - "Ich bin und bleibe Berlinerin - wo ich wohne, ist mir egal" - galt schon zu Lebzeiten als Legende der deutschen Fernseh- und Theaterunterhaltung.

Bis fast zuletzt machte Meysel neben ihrer schauspielerischen Tätigkeit auch als sozialkritisch engagierte Zeitgenossin von sich reden. Die temperamentvolle Schauspielerin mit der unverwechselbaren Stimme kämpfte Ende der 70er-Jahre mit der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer gegen die Vermarktung der Frau als Sexualobjekt im "Stern". Sie engagierte sich in der "Deutschen Gesellschaft für humanes Sterben" und wandte sich gegen die Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Vielen ist Inge Meysel, die meist resolute Frauengestalten des Alltags von der couragierten Putzfrau bis zur bösartigen Mutter darstellte, vor allem als Käthe Scholz aus der Serie "Die Unverbesserlichen" unvergessen.

Die Tochter eines jüdischen Tabakhändlers und einer Dänin kam nach dem Auftrittsverbot bei den Nazis 1945 ans Hamburger Thalia Theater. Die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit ihrem zweiten Mann, dem Regisseur John Olden, brachte sie ins Charakterfach. Mit "Das Fenster zum Flur" von Curth Flatow kam 1959 der große Bühnen- und Fernseherfolg. Seit den 60ern arbeitete Meysel fast nur noch fürs Fernsehen. "Die Unverbesserlichen" und andere Serien in den 70ern und 80ern machten sie einem Millionenpublikum bekannt. Dass Sterben und Altern keine Tabuthemen für sie waren, zeigten ihre Rollen als Greisin in "Kein pflegeleichter Fall" (1990) und "Das Vergessene Leben" (1998). Zuletzt war sie im Mai in einer Folge von "Polizeiruf 110" zu sehen.