Ihre Karriere wurde erst verhindert und schlug dann umso nachhaltiger durch. Inge Meysel war, auch wenn sie das nie gern hörte, die einzige wahre Volksschauspielerin. Und wurde weit über ihre Rollen hinaus zu einer streitbaren, öffentlichen Figur.

Sie blieb unerreicht. Versuche, sie zu kopieren, zu rekreieren, gab es zur Genüge. Aber Mutter Beimer aus der "Lindenstraße" kam nie an sie heran; dafür war sie zu sehr mit banalen Haushaltsproblemchen beschäftigt. Und Vera Drombusch war zu sehr das Gegenteil: jeder Satz ein Aphorismus, jeder Monolog eine Predigt. Nein, an Inge Meysel kam keine heran. Sie war, sie blieb und mit ihr geht die Mutter der Nation.

Dieses Klischee hat sie gehasst. Hat es, vergebens, bekämpft. Und wirklich ist es ein Missverständnis. Oder Ironie des Schicksals. Zwar spielte sie von 1965 bis 1971 in der TV-Serie "Die Unverbesserlichen" die berühmte Mutter Käthe Scholz, eine Folge pro Jahr, immer an Muttertag. Aber im wirklichen Leben war Inge Meysel eben absichtlich - und trotz zweier Ehen - niemals Mutter, hat sich später sogar öffentlich zu einer Abtreibung bekannt. Und auch als Mutter Scholz trug sie zwar die Kittelschürze auf dem Leib, aber nie in der Gesinnung. Sie verkörperte, im Gegenteil, das Prinzip Matriarchat in einer zutiefst patriarchalischen Gesellschaft. Was sollte die regelmäßige Diskussion um eine Bundespräsidentin, wie sie kürzlich wieder aufgeflammt ist? Wir hatten ja schon eine, zwar nicht amtlich, nicht vereidigt. Aber doch staatstragend. Und weit über die üblichen Amtsperioden hinaus.

Inge Meysel war keine Mutter, sie war eine Institution. Sie gab dem kleinen Mann eine Stimme. War eine Vorreiterin der Emanzipation. Vor allem aber das gelebte gute Gewissen. Wenn sie, Höhepunkt einer jeden Folge der "Unverbesserlichen", mit den Tränen kämpfte und ihre Stimme sich brach, wenn der weiche Kern unter der rauen Schale durchkam, dann hätte keiner sich getraut, dies Moral- oder gar Gardinenpredigt zu nennen. Mutter Meysel ersetzte den Kirchgang, die Neujahrsrede des Bundeskanzlers und so manche Bürgerinitiative. Sie war das Fleisch gewordene gesunde Volksempfinden. Und damit wohl wirklich die "wahre Volksschauspielerin", wie Friedrich Luft einmal geschwärmt hat. Auch wenn sie selbst dieses Etikett gehasst hat.

Als "Unverbesserliche" ließ sie sich nicht durch die erzkonservative Familienpolitik der fünfziger Jahre zurück an den Herd binden. Sie blieb so autark wie die Frauen, die im Krieg allein ihren Mann stehen mussten und als Trümmerfrauen wesentlich zum Wiederaufbau Deutschlands beigetragen hatten. Sie ließ sich auch nichts von den Männern sagen. Sie war ja selber einer: Ihre Eltern hatten sich eigentlich immer einen Sohn gewünscht und so ist sie "ein Leben lang Sohn gewesen". Aber auch wenn sie den Herren gelegentlich das Fürchten beibrachte, repräsentierte sie diese gleich mit: als die durch den Krieg um ihre besten Jahre betrogenen Generation.

Hier gibt es dann doch eine große Schnittstelle zwischen ihrer Paraderolle und ihrem eigenen Leben. Inge Meysel, 1910 als Tochter einer Dänin und eines jüdischen Tabakwarenhändlers in Berlin geboren, hatte gegen den Willen ihrer Eltern Schauspielunterricht genommen, 1930 ihr Bühnendebüt in Zwickau gefeiert und sich bis ins heimische Berlin ans Renaissance-Theater hochgespielt. Dann aber wurde sie im Dritten Reich als Halbjüdin verfemt und 1936 mit einem jahrelangen Bühnenverbot belegt. Und als sie dann, nach dem Krieg, endlich wieder spielen konnte, da war es zu spät, war sie zu alt für die Rollen der Geliebten. Und rutschte so ins Mutterfach.

Sie hat in den finsteren Jahren erfahren müssen, wie vermeintliche Freunde sich von ihr abwandten. Hat sich in dieser Zeit, um überleben zu können, einen Panzer der Abwehr angelegt: "damit mich niemand mehr verletzen kann." Das machte sie so resolut, so engagiert, auch so streitbar und polarisierend. In ihren Bühnenrollen in Hamburg, am Thalia, und in Berlin, am Hebbel-Theater. In ihren Filmrollen. Vor allem im Fernsehen: Inge Meysel wurde einer der ersten Stars des noch jungen Mediums. Aber auch weit über ihre Rollen hinaus.

Lange vor dem Ausverkauf des Intimen durch Privatfernsehen und Talkshow-Diarrhöe wurde sie schon eine öffentliche Figur. Und eine politische Aktivistin, die sich stetig und provokant zu Reizthemen äußerte. Bei der Auseinandersetzung um den Paragraphen 218 etwa. Als sie 1978 - vergeblich - mit Alice Schwarzer gegen die Darstellung der Frau als Sexualobjekt auf den Titeln des "Stern"-Magazins klagte. Oder als sie zu ihrem 70. das Bundesverdienstkreuz ablehnte, weil es keinen Orden wert sei, dass man "sein Leben anständig gelebt hat". Selbst im Alter wurde sie nicht leiser, nicht zum Ömchen der Nation. Ihre Autobiografie titelte sie 1991 nicht umsonst "Frei heraus". Sie bekannte sich offen zu ihrer Bisexualität oder machte Werbung für die "Gesellschaft für humanes Sterben".

Sie habe immer eine Tablette im Nachttischchen, hatte sie mehrfach bekannt, und es sei nur eine Frage des Mutes, sie zu nehmen. "Ich sag mir: Geh auf anständige Art weg, werd nicht krank, komm nicht in irgendein Heim." Dieses Schicksal aber schien ihr dann doch vorbestimmt. Vor etwa einem Jahr wurde bei der einzigen Volksschauspielerin, auf die der Begriff wohl wirklich zutraf, Altersdemenz diagnostiziert. Im Mai kam sie nach einem komplizierten Oberschenkelbruch, der sie an den Rollstuhl fesselte, wegen immer stärkerer Demenzerscheinungen in die Neurologie. Und hatte Angst, nun doch in ein Heim abgeschoben zu werden. Ihren 94. Geburtstag am 30. Mai durfte sie dann wieder zu Hause feiern, bei ihrer Nichte, deren Mutter, und ihrem Manager Peter Knuth, den sie zuletzt immer "Papa" genannt hat. "Das ist so schrecklich, dabei könnte man heulen", hatte Knuth noch in der vergangenen Woche bekannt.

Gestern früh ist die große Dame an einem Herzversagen gestorben, zu Hause, wie sie sich das gewünscht hat. Doch sie wäre nicht Inge Meysel, hätte sie sich nicht gebührend von ihrem Publikum verabschiedet. Einen Tag nach ihrem Geburtstag wurde ihr letzter Film ausgestrahlt, eine Folge von "Polizeiruf 110", die nicht zufällig "Mein letzter Wille" hieß. Da spielt sie ihr eigenes Gebrechen vor, eine kranke, verwirrte Dame. Die sich noch einmal aufrappelt, um buchstäblich von der Bildfläche zu verschwinden. Mit einem Augenzwinkern. Das Letzte, was wir von ihr sehen sollten.