Viele sind in diesen stillen und besinnlichen Tagen um Weihnachten fest überzeugt, daß der Fußball ruht - ein großer Irrtum. Der Fußball rollt.

Es ist nämlich so, daß die Winterpause der Bundesliga nicht in Sri Lanka gilt. Und dort, irgendwo im Norden, in der Gegend um die Städte Jaffna oder Trincomalee, hat gestern Bayern München gegen Eintracht Frankfurt gespielt. Genauer gesagt: Viele Kinder dort haben prächtige, bunte Trikots aus Deutschland geschenkt bekommen, daß es sie zum Kicken unweigerlich auf die nächstbeste Wiese treibt.

Der Mann, der die Trikots besorgt hat, schwört: Es gibt nichts Schöneres, als das Glück und die Lust dieser Kinder zu sehen. Mit der Lust meint Holger Obermann die Lust am Spiel, aber vor allem die Lust am Leben, die diese Kinder in Sri Lanka fast schon verloren hatten - gestern vor einem Jahr, als die große Flut kam. Fast 50 000 hat die verheerende Welle in den Tod gerissen. Eine halbe Million Menschen hat alles verloren, Eltern und Geschwister, Hab und Gut und das Dach über dem Kopf. Damit sie das Erlebte verarbeiten können, muß diesen Menschen geholfen werden, sagt der Mann, der nach der Flut mit den Trikots kam. Und mit seinem Fußball.

Der Fußball, hat Holger Obermann schon immer behauptet, ist einer der größten Friedensstifter - und was die soziale Kraft des Sports in der Not bewirken kann, hat er dieses Jahr im Katastrophengebiet des Tsunami wieder erleben dürfen. Tausende von Kilometern ist der Entwicklungshelfer Obermann durch Sri Lanka gefahren, hat Fußball-Camps gegründet und betreut, mit der pädagogischen und psychologischen Erfahrung aus seiner früheren Tätigkeit an einer Frankfurter Behindertenschule 500 Sportlehrer und Trainer ausgebildet für den Umgang mit traumatisierten Kindern - und die 250 000 Euro, die ihm Bundestrainer Jürgen Klinsmann nach dem Benefizspiel der Nationalmannschaft auf Schalke mitgegeben hat, gut angelegt. In Form eines DFB-Jugendzentrums in Galle, im Südwesten Sri Lankas.

Überlebt hat Obermann nebenbei auch noch - was im Tamilengebiet im Norden nicht immer ganz einfach ist. Gelegentlich, sagt er, wird man dort bei der Arbeit von den Separatisten, den Tamil Tigers, behindert - selbst wenn man nur Gutes tun und helfen will, die zerstörten Sportstätten aufzubauen. Sogar nach Afghanistan hat es zwischendurch noch gereicht, um ein ähnliches Internat aufzubauen. Birgit Prinz hat ihn dabei begleitet, die Weltfußballerin - und ihre Eltern beim Abschied mit den Worten beruhigt: "Der Obermann ist ja dabei."

Der Obermann hat bisher alles überlebt, sogar den Wiederaufbau des Fußballs in Kabul. Anläßlich des WM-Qualifikationsspiels gegen Turkmenistan war er, als Berater und Manager, mit der Nationalmannschaft im Hotel, und als sie beim Essen saßen, schlug eine Rakete ein. Noch ein anderes Mal, erzählt er, ist er "dem Tod von der Schippe gesprungen" - jedenfalls beruhigt er seine Frau, die in Frankfurt immer monatelang um ihn zittert, mit der These: Ein frommer Mensch hat einen Schutzengel.

Wie wird man Entwicklungshelfer? Indem man sich, so Obermann, irgendwann sagt: Wer Glück hat, muß ein Stück davon weitergeben an die Unglücklichen. Sein Leben lang hat er das getan. Obermann war mittlerweile in fünf Erdteilen und mehr als 20 Ländern zu Hause. Schon als "Sportschau"-Moderator hatte er jeden Urlaub als Entwicklungshelfer genutzt, - und seit der Beendigung seiner TV-Karriere 1991 leitet er, flankiert von seiner Lizenz als Trainer, Projekte in Asien, finanziert von DFB, Fifa, Bundesregierung oder NOK. So mutiert ein Moderator zum Missionar. Nächstes Jahr wird er 70 - und ist unter den Fußball-Entwicklungshelfern mittlerweile der Älteste nach Rudi Gutendorf (79). Der ließ sich schon von Adenauer als Nationaltrainer zu Präsident Bourguiba nach Tunesien schicken: "Herr Jutendorf, machen S' et jut - sonst holen die einen aus der Soffjetzone."

Auch Obermann macht et jut. Die Dritte Welt ist seine Welt. Deshalb geht er nach dem Jahreswechsel wieder dorthin, wo er gebraucht wird. Zunächst nach Osttimor, dann im Februar wieder nach Afghanistan und im März zurück nach Sri Lanka, um mit den Spenden des DFB und der Fifa, der Herberger-Stiftung und der Beckenbauer-Stiftung Sportplätze anzulegen und Fußball-Camps zu eröffnen. Und wenn er wieder mit seinen Bällen, Klamotten und einem Satz Trikots des FC Bayern oder der Eintracht ankommt und die Kinder mit ihren lachenden Augen sieht, sagt Obermann, "weiß ich, wofür ich das tue".

Der Fußball hat eine gewaltige Kraft. Dieses Spiel kann Menschen wieder Lust aufs Leben vermitteln. "Der Mensch", sagt es Holger Obermann auf seine Art und zitiert Schiller, "ist nur da Mensch, wo er spielt." Und der Sport nirgends wichtiger als dort, wo das Leben kein Spiel mehr ist.