Viel ist von Ungerechtigkeit die Rede in diesen Tagen, ein Jahr nach der Tsunami-Katastrophe. Viele, sehr viele Spendengelder flossen nach Südostasien. Anders bei dem zweiten großen Unglück dieses Jahres, dem Erdbeben in Pakistan: Für die Nothilfe dort ging erheblich weniger Geld ein. Eine harsche Diskrepanz, die den Menschen, die mit den Spenden arbeiten, genauso nahegeht wie jenen, die gespendet haben.

Nie kam mehr Geld nach einer Katastrophe zusammen als nach dem Tsunami; viel war es auch nach dem 11. September. Das hat mit der Macht der Bilder zu tun: Sogenannte Fund-Raiser, die Gelder einwerben, sprechen vom Sensationswert einer Katastrophe, der im Indischen Ozean und in New York besonders hoch ausfiel. Bilder schaffen Nähe, und Nähe zur Not schafft Emotionen. Ein Effekt, der uns übrigens beim Autobahnunfall auf der Gegenspur langsam fahren und hinüberblicken läßt, auch wenn wir nicht helfen können - und uns stets den absurden Vorwurf des Gaffertums einbringt. Wäre es denn ethisch sauberer, abgewendeten Blicks weiterzurasen?

Und so lockten uns die Sendungen aus den südasiatischen Flutgebieten die Spendengelder aus den Taschen - ebenso natürlich die Nähe, die wir bei jenem Teil der dortigen Länder empfinden, den wir von Urlaubsaufenthalten her kennen. Beides zusammen trägt uns bei manchen Zeitgenossen den Vorwurf der Oberflächlichkeit ein, weil wir uns nicht um die weniger bekannte Katastrophe in Pakistan kümmern. Wie wenig dieser Vorwurf sticht, zeigt sich schon daran, daß es auf der Welt noch erheblich größere Not gibt als in Asien: in Darfur etwa, im Kongo oder Niger. Müßte nicht alles dorthin gehen? Mehr noch: müßten wir angesichts solchen Elends in der weiten Welt nicht auf sämtliche Spenden hierzulande verzichten, mit denen viele gemeinnützige Stiftungen in unserem doch so wohlhabenden Land gute Arbeit leisten? Statt dessen alles nach Afrika?

Es wäre riskant, wollte man beim Spenden Gefühle durch nüchtern rechnende Ratio ersetzen. Schließlich geht es um eine Größenordnung von nicht weniger als vier bis fünf Milliarden Euro, die jedes Jahr in Deutschland gespendet werden. All diese Spendenbereitschaft will erst einmal mobilisiert werden, und wenn da der Tsunami mehr auslöst als andere Katastrophen, so ist das völlig in Ordnung.

Übrigens: Die Not in Kaschmir steht nach Auskunft der Hilfswerke vor dem winterlichen Höhepunkt. Spenden für Pakistan sind also nach wie vor wichtig.