Die Werbe- und Ideenagentur "Zum goldenen Hirschen" hat einen ihrer drei Firmensitze in Berlin. Durch ihren Standort und die besondere Beziehung zum Fußball als eine der mit der WM-Kampagne 2006 beauftragten Unternehmen verfolgt die Agentur aus unmittelbarer Nähe die Entwicklung bei Hertha BSC. Die Berliner Morgenpost sprach mit Kreativ-Chef Marcel Loko (39) über das Ansehen und die öffentliche Wahrnehmung der Blau-Weißen.
Berliner Morgenpost: Herr Loko, Hertha BSC fällt es schwer, die Zuschauerzahlen im neuen Olympiastadion auf über 50 000 zu steigern. Trotz der Qualifikation für den Uefa-Cup blieb in der Vorsaison ein Boom wie in Dortmund, Mönchengladbach oder Schalke aus. Was sind die Ursachen?
Marcel Loko: Da kommen mehrere Gründe zusammen. Hertha verfügt trotz des guten Partnerstadt-Konzeptes in Brandenburg nicht über die regionale Identifikation wie andere Vereine. Hinter Mönchengladbach, Nürnberg oder Kaiserslautern steht eine ganze Region. Auf Schalke ist Fußball mentaler Lebensinhalt. Das Hauptstadt-Publikum ist dagegen verwöhnt, was seine Möglichkeiten angeht. In Frankreich sieht es ähnlich aus. Da herrscht in den Stadien von Lens, Nantes oder St. Etienne auch mehr Begeisterung als in Paris. Ein Verein, der in einer Metropole ständig Publikumsmagnet sein will, muß schon auf Weltniveau spielen wie Real Madrid. Die einzige Ausnahme ist London. Außerdem darf man nicht vergessen, daß Hertha eine ganz spezielle Geschichte hat.
Wie ist das zu verstehen?
Hertha ist immer noch ein West-Verein. Dieses Bild ändert sich nicht in kurzer Zeit, das braucht 20 Jahre. Das Publikum ist sehr heterogen. In Berlin hat ja schon der Kreuzberger mit dem Rudower ein Problem. Mit West- und Ost-Berlinern verhält es sich noch krasser. Mit den Berlinern und den Menschen aus Brandenburg genauso.
Was muß Hertha tun, um neue Fans zu gewinnen?
Hertha braucht Titel. Ohne die geht es nicht. Der DFB-Pokal müßte mal her. Kein lebender Berliner kann sich an einen großen Hertha-Triumph erinnern. Gladbach war dagegen in den siebziger Jahren fünf Mal Deutscher Meister und zwei Mal Uefa-Cup-Sieger. Davon zehren sie noch heute. Herthas letzter Titel liegt 74 Jahre zurück. Und aus der Krisenzeit zwischen 1980 und 1997 fehlt eine ganze Fan-Generation. Deswegen ist die Fan-Kultur in Berlin auch nicht so ausgeprägt wie in anderen Städten. Hertha muß sich über den Erfolg neu erfinden. Dortmund hat das vorgemacht, den richtigen Weg beschritten, von der finanziellen Überdehnung der letzten Jahre mal abgesehen.
Kaum ein anderer Bundesliga-Verein hat so viele einheimische Spieler im Kader wie Hertha. Ist diese Identifikationsmöglichkeit für das Publikum nicht ein großer Vorteil?
Sie ist sicherlich hilfreich. Ein Verein sollte die richtige Balance finden. Denn auch ein Hertha-Fan holt lieber mit elf Schwaben einen Titel als mit elf Berlinern abzusteigen. Und was nützt die Verwurzelung mit der Stadt, wenn die Spieler langweilig aussehen, langweilig reden und langweilig spielen. Hertha bräuchte mehr Stars, mehr deutsche Marcelinhos.
Fehlt Hertha die Ausstrahlung?
Der Verein ist nicht unbeliebt. Das Problem ist, daß ihm vor allem außerhalb Berlins und des Umlandes viele Menschen gleichgültig gegenüberstehen. Hertha eignet sich nicht als Feindbild, erreicht aber auch keine Sympathiewerte wie Freiburg oder Mainz. Die Aura der Spitzenklubs fehlt völlig. Der Verein ist nicht der Kristallisationspunkt in seiner Stadt, wie das beim HSV oder 1. FC Köln ist. Und wer kennt im Ausland schon Hertha?

