Jürgen Milewski hätte am liebsten vor Wut in sein Gipsbein gebissen. Auf der Tribüne des mit geschätzten 90 000 Fans überfüllten Berliner Olympiastadions saß der 1,71-m-Stürmer von Hertha BSC. Und mußte entsetzt mitansehen, wie unten auf dem Rasen ein noch drei Zentimeter kleinerer Angreifer namens Milos Sestic den Ball im strömenden Regen über die Linie schob.
Der Anschlußtreffer zum 1:2 eine Viertelstunde vor dem Abpfiff reichte Roter Stern Belgrad im April 1979 zum Einzug in das Uefa-Cup-Endspiel gegen den deutschen Rivalen Borussia Mönchengladbach. Herthas Traum vom Finale platzte wegen der Auswärtstor-Regel. Im damaligen Jugoslawien hatten die Berliner 14 Tage zuvor 0:1 verloren. "Mr. Europacup" wurde Milewski genannt. Alle fünf Treffer hatte er im Achtelfinale gegen Esbjerg FB aus Dänemark (1:2, 4:0) für die Blau-Weißen geschossen und auch das entscheidende Tor im Viertelfinale bei Dukla Prag (2:1) erzielt. Für ein paar Monate hatte sich Hertha in Europa Anerkennung verschafft. Für ein paar Monate war der Verein da, wo er heute wieder so sehnsuchtsvoll hinblickt - im internationalen Schaufenster.
Die Freuden-Saison unter Trainer Kuno Klötzer ist trotz des unglücklichen Ausscheidens gegen Roter Stern Belgrad bis heute die erfolgreichste der Berliner in Europa geblieben. Eine ähnlich hohe sportliche Reputation und einen allemal größeren finanziellen Ertrag brachte 1999/2000 die Teilnahme an der Champions League. Jubelnd reckten Trainer Jürgen Röber und die Hertha-Spieler im November 1999 nach dem 0:2 beim FC Chelsea ihre Fäuste in den Londoner Abendhimmel. Den Grund zur Glückseligkeit lieferte die Kunde von dem 2:3 des AC Mailand bei Galatasaray Istanbul. Durch die fremde Hilfe qualifizierten sich die Berliner bei ihrer Premiere in der Königsklasse auf Anhieb für die zweite Gruppenphase - das blau-weiße Highlight seit dem Wiederaufstieg in die Bundesliga 1997, gekrönt von Heimsiegen gegen Chelsea London (2:1) und den AC Mailand (1:0).
Am 15. September wird Hertha beim Erstrunden-Hinspiel im Uefa-Cup nach einjähriger Abwesenheit wieder die europäische Bühne betreten. Und wie immer in Berlin - hohe Erwartungen eilen dem Comeback in einem internationalen Wettbewerb voraus.
"Die Mannschaft braucht für ihre Entwicklung internationale Erfahrung", sagt Trainer Falko Götz. "Wir wollen zumindest die Gruppenphase erreichen." Das würde ab dem 20. Oktober vier zusätzliche Spiele bis zur Winterpause garantieren. Und insgesamt rund sechs Millionen Euro zusätzlich in die leeren Kassen spülen.
"Ich nehme den Uefa-Cup mit Kußhand", hatte auch Manager Dieter Hoeneß auf der Hertha-Versammlung im Mai - wenige Tage nach der nur um ein Tor verpaßten Qualifikation für die Champions League - erklärt. Ein Tor hatte den Blau-Weißen am letzten Spieltag der vergangenen Saison gefehlt; das 0:0 zum Saisonfinale gegen Hannover war zu wenig.
Europa. Immer wieder Europa weckt Herthas Begierde. Doch diese Zuneigung blieb in der Vergangenheit irgendwie einseitig. Selten hielt der Europapokal das, was sich die Berliner davon versprachen. In der deutschen Europacup-Bilanz liegt Hertha auf Rang 14 - hinter elf aktuellen Bundesligisten sowie den ehemaligen DDR-Oberliga-Klubs Dynamo Dresden und Carl Zeiss Jena. Wären die insgesamt 16 Partien im minderrangigen Messepokal, dem Vorläufer des Uefa-Cups, von 1963 bis 1971 nicht eingerechnet, stünde Hertha BSC im Ranking noch schlechter da.
Dunkle Vergangenheit. Aber auch die vier Uefa-Cup-Jahre der jüngeren blau-weißen Vereinsgeschichte endeten ziemlich ernüchternd: Mit dem Aus jeweils in der dritten Runde 2000/01 gegen Inter Mailand (0:0, 1:2) und 2001/02 gegen Servette Genf (0:3, 0:0), im Achtelfinale 2002/03 gegen Boavista Porto (3:2, 0:1) und gar schon in Runde eins 2003/04 gegen den polnischen Underdog Groclin Grodzisk (0:0, 0:1).
In jedem Fall werden Legenden anders geschrieben. Nach der 20jährigen Abstinenz von 1979 bis 1999 mußte Hertha BSC auf internationaler Ebene viel Lehrgeld zahlen, sich langsam wieder Reputation verschaffen.
Und in dieser Saison geht der kollektive Lernprozeß der Blau-Weißen weiter. Die Fans haben im Hinterkopf, was die Klub-Verantwortlichen als langfristiges Ziel ausgegeben haben: Hertha in den erlauchten Kreis der 20 besten europäischen Klubs zu führen.

