Bluten für Union

Der Countdown läuft. Genau 27 Tage bleiben dem 1. FC Union nach dem Abstieg aus der Zweiten Liga noch, um die Spielgenehmigung für die Regionalliga zu bekommen. Gestern legten die Köpenicker - in Abwesenheit von Präsident Jürgen Schlebrowski - die vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) gestellten Bedingungen für die Lizenzerteilung auf den Tisch.

Die veröffentlichten Zahlen kamen einer Hiobsbotschaft für die Fans der Eisernen gleich. Bis zum Stichtag am 9. Juni (14 Uhr) muss Union eine Liquiditätsreserve für die kommende Saison in Höhe von 1,461 Millionen Euro aufbringen und zusätzlich einen Hauptsponsor-Vertrag über 350 000 Euro vorlegen. Gilt letzterer Punkt als vergleichsweise kleines Problem, da die BSR bereits signalisiert hat, dass sie auch in der Regionalliga für in etwa diese Summe weiter auf den Trikots der Rot-Weißen werben will, so stellt die geforderte Liquiditätsreserve möglicherweise ein unüberwindbares Hindernis für die finanzschwachen Unioner dar. Ohne eine Regionalliga-Lizenz aber droht den Köpenickern am Saisonende der Gang zum Insolvenzrichter.

"Ich bin jetzt schon optimistisch, dass wir die Bedingungen erfüllen können", sagt Präsidiumsmitglied Oskar Kosche. "Der DFB ist unserer Beschwerde gegen die ursprünglich gestellten Bedingungen in vollem Umfang nachgekommen." Offenbar hatte der Verband in seinem ersten Bescheid eine noch deutlich höhere Kaution (die Rede ist von 2,4 Mio. Euro) für mögliche Zahlungsschwierigkeiten im Spieljahr 2004/05 verlangt. Im ungünstigsten Fall erwartet der DFB aber noch immer einen Anstieg von Unions kurzfristigen Verbindlichkeiten auf fast 1,5 Mio. Euro bis zum 30. Juni 2005, worin die Zinszahlungen für das Neun-Millionen-Euro-Darlehen von Hauptgläubiger Michael Kölmel (Kinowelt; d. Red.) nach dessen Verzicht bis 2005 nicht enthalten sind.

Kosche: "Drei Bedingungen sind ganz weggefallen. Wir müssen jetzt nicht mehr unsere Personalausgaben und jede einzelne Einnahme nachweisen, und unsere Zuschauer-Kalkulation von 4500 im Schnitt wurde ebenso akzeptiert wie der geplante Etat für die Mannschaft."

Doch auch so steht Union ein enormer Kraftakt bevor. Um ihn zu meistern, hat der Verein eine Kampagne unter dem Motto "Bluten für Union" ins Leben gerufen. Offiziell beginnt sie erst morgen, doch die erste Auflage (1000 Stück) von entsprechenden T-Shirts (Preis 15 Euro, Reingewinn zehn Euro) trafen bereits gestern Mittag im Fan-Shop an der Hämmerlingstraße ein. Nach dem Vorbild des Kultklubs FC St. Pauli, der im vergangenen Sommer mit seiner Retter-Aktion zirka zwei Millionen Euro erwirtschaftete und so den Spielbetrieb in Liga drei sicher stellte, wollen die Köpenicker ihre Fans, Sponsoren sowie Zuschauer mobilisieren und die Berliner Bevölkerung um Unterstützung bitten. Bitter, aber wahr: Sieben Jahre nach der schwersten Vereinskrise und dem drohenden Konkurs läuft Union wieder mit Sammelbüchsen durch die Stadt.

Angedacht ist eine ganze Palette von Aktionen. So wollen die Eisernen gemäß dem Motto der Kampagne in den kommenden Wochen mit Blutspenden ("da hingehen, wo's weh tut") den Berliner Krankenhäusern helfen und gleichzeitig Geld in die eigenen Kassen bringen. Zum letzten Saison-Heimspiel am kommenden Sonntag (15 Uhr) gegen den Karlsruher SC muss jeder Besucher einen Lizenz-Zuschlag von zwei Euro entrichten. Ein Dankeschön an das treue Publikum nach drei Jahren Zweitliga-Fußball in der Wuhlheide sähe wohl anders aus. Mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein ist der Aufpreis ohnehin nicht. Und allein auf die Spendenbereitschaft ihrer Fans wollen sich die Unioner auch nicht verlassen. "Unsere Aktion wird von drei Säulen getragen", sagt Marketingchef Ralf Büttner. "Die erste besteht aus Wirtschafts- und Aufsichtsrat des Vereins sowie Sponsoren, die zweite sind Investoren und strategische Partner wie Dr. Kölmel, die dritte bilden Mitarbeiter, Fans und die breite Öffentlichkeit. Wenn zum Beispiel die Hälfte unserer 62 Bandenwerbepartner zu Zweitliga-Konditionen in der Regionalliga weitermachen würde, wäre uns schon sehr geholfen." Aber Union längst nicht gerettet.

Am letzten Wochenende vor dem Frist-Ablauf zur Erfüllung der Lizenzbedingungen ist am 5. oder 6. Juni ein Benefiztag mit Stadionfest an der Alten Försterei geplant. Büttner: "Ich hoffe, dass wir dann verkünden können, dass wir es geschafft haben." Zweifel sind angebracht, auch wenn Präsidiumsmitglied Kosche zuversichtlich auf die Hilfe der Sponsoren setzt: "Wir liegen zwar wie im Sport momentan hinten, werden aber noch gewinnen, weil wir ein paar starke Stürmer auf der Bank haben." Hoffentlich sind die erfolgreicher als Unions Angreifer auf dem Platz.