Das Leben ist eine Tankstelle

Andere würden jetzt von Stress reden. Es ist 10.30 Uhr morgens, Otto Ziege betritt seine Tankstelle an der Ecke Leibniz-/Mommsenstraße in Charlottenburg. Sofort bestürmen ihn zwei Mitarbeiter. Ziege lässt sich über die angekommenen Anrufe unterrichten, packt seine Sachen und geht schon wieder zum Auto. Stress? Vergnügt pfeift er vor sich hin. Hektik? Otto Ziege, 77, begegnet ihr mit der Gelassenheit eines Menschen, dem das Leben alles gegeben hat, was er je von ihm hätte verlangen können.

Während der Fahrt zum Velodrom erzählt er, warum das so ist. Da ist die Tankstelle. Vor 50 Jahren hat er den Pächtervertrag unterschrieben, immer noch verbringt er dort neun Stunden am Tag. "Das ist mehr als eine Tankstelle, das ist wie ein Dorfplatz. Dauernd kommt jemand vorbei und erzählt eine nette Geschichte." Da ist die Familie. Seine Frau, mit der er seit 54 Jahren verheiratet ist, der Sohn, die zwei Enkelinnen. "Dafür bin ich unendlich dankbar." Und da ist, die blauen Augen glänzen jetzt noch stärker, natürlich der Radsport.

Das Sechstagerennen. Sein Rennen. Ziege hat es geprägt wie kein anderer in Berlin. Erst als Fahrer, in der Nachkriegszeit. Die Sixdays fanden noch in der Halle am Funkturm statt. Es waren "Rennen für Verrückte", wie er sich erinnert, die Bahn so kurz, dass es zu tödlichen Stürzen kam. Ohnehin wurde damals fast rund um die Uhr gefahren, die Akteure schliefen bloß drei Stunden am Tag, auch als man später in den Sportpalast umzog. Unter all den Helden der Bahn ragte Lokalmatador Ziege durch seinen Charme heraus - ein absoluter Publikumsliebling, ganz egal, dass ihm der Sieg stets versagt blieb.

1958 übernahm er die sportliche Leitung. Wenn seit jenem Jahr in Berlin ein Sechstagerennen stattfand, egal ob im Sportpalast, in der Deutschlandhalle oder im Velodrom, stand Ziege am Bahnrand. Zeitweise organisierte er daneben die Veranstaltung in Dortmund, so dass er in diesem Jahr ein ganz besonderes Jubiläum feiert: das 60. Sechstagerennen als sportlicher Leiter.

Eine beeindruckende Zahl, doch angesichts seiner fast kindlichen Begeisterung auf dem Weg in die Halle könnte es genauso gut das erste Mal sein. Ziege freut sich vor allem auf die Fahrer - die meisten kennt er schon lange, mit manchen haben sich richtige Freundschaften entwickelt. Etwa mit Silvio Martinello, dem vierfachen Sieger aus Italien, der mittlerweile seine Karriere beendet hat. "Irgendwann standen wir zusammen in der Kabine. Er hat von seiner Familie erzählt, ich von meiner." Ein typischer Ziege. Stets interessiert, stets bemüht, die Person hinter dem Sportler kennen zu lernen. "Das ist meine Überschrift: Die Menschlichkeit." Gerade in dem harten Gewerbe der Sechstagefahrer ist so eine Haltung ungewöhnlich, und nicht zuletzt aus diesem Grund nennen sie Ziege die "Seele" der Berliner Sixdays. Dabei kann er auch ganz anders. Von den Fahrern fordert Ziege vollen Einsatz, in jedem Rennen, das Publikum zahle schließlich dafür.

Und wenn er das Gefühl hat, ein Akteur schone sich über die Maßen, stellt er ihn zur Rede. Vom ehemaligen deutschen Radsport-Heros Dietrich Thurau hat er sich dafür sogar einmal eine Schellen eingefangen. Nachdem Ziege die lasche Vorstellung einiger Fahrer kritisiert hatte, wollte Thurau beleidigt aussteigen. Veranstalter Heinemann sperrte ihm daraufhin die Gage. "Da kann nur der Otto dahinter stecken", tobte der "blonde Engel" - und holte aus.

Sein Repertoire an derlei Anekdoten ist unerschöpflich, den ganzen Tag lang könnte Otto Ziege erzählen. Doch er hat schließlich zu tun. An der Bahn, wo er während des Sechstagerennens gemeinsam mit den Fahrern übernachtet, und dann wieder an seiner Tankstelle. Überhaupt, die Tankstelle. Das Geheimnis seiner unglaublichen Energie, die Ziege an alles denken lässt, nur nicht ans Aufhören? "Sie ist ein herrliches Trainingszentrum, auch für das Sechstagerennen, sie hält mich in Übung. Ich bin froh über jeden Tag, an dem ich dort bin."

Ziege geht über die Bahn im Velodrom. Er hinkt ein wenig, seit sechs Jahren ersetzt eine Titanprothese das rechte Knie. Andere würden jetzt zu lamentieren beginnen. Otto Ziege lächelt. "Ach das, kein Problem. Sieht wahrscheinlich schlimmer aus, als es ist."