Könnt Ihr noch? Dürft Ihr noch? Wollt Ihr noch? Immer gab es als Antwort im proppenvollen Velodrom mit ein donnerndes "Ja" der etwa 13 000 Fans. Und als wollten sie mitschreien, legten auch die 36 Fahrer noch mal einen Zahn zu.
Trotz kleiner Blessuren von Andreas Kappes (Bremen) am linken Arm und Franco Marvulli (Schweiz) an der rechten Hüfte, trotz der erkälteten Kurt Betschart (Schweiz) und Sven Teutenberg (Mettmann): Die größte Party des noch jungen Jahres wird an der Landsberger Allee gefeiert. Berlin genießt seine fünfte Jahreszeit.
Die neuen Publikumslieblinge Guido Fulst und Robert Bartko verteidigten auch nach der zweiten Nacht, passend zur Startnummer eins auf den roten Trikots, ihren Spitzenplatz in der Gesamtwertung. Doch zur Halbzeit der 93. Sixdays haben die Konkurrenten ihre Trümpfe noch längst nicht ausgespielt, lauern auf eine Schwäche, einen Fehler der Lokalmatadore.
Allen voran die Vorjahressieger und Rekord-Gewinner aller Sechstagezeiten (34 Erfolge), Bruno Risi und Kurt Betschart. Die beiden Schweizer hatten dafür gesorgt, dass sich Bartko/Fulst nur in den Punkte bringenden Wettbewerben gütlich tun konnten, in den Jagden aber keinen Rundengewinn zu Stande brachten. Die Schweizer blieben eiskalt. Ungeachtet der Probleme von Kurt Betschart starteten beide einen Angriff nach dem anderen, konterten jeden Angriff der Berliner und holten die in der ersten Jagd verlorene Runde wieder auf.
Auch die Niederländer Robert Slippens/Danny Stam als Dritte und Andreas Kappes/Andreas Beikirch (Köln/Titz) liegen als Vierte mit den Berlinern noch in einer gemeinsamen Runde. Und immer wieder Achtungszeichen setzen überdies auch die Cottbuser Straßenprofis Danilo Hondo und Olaf Pollack (beide Team Gerolsteiner).
Bartko/Fulst sehen die Sache ganz gelassen. Guido Fulst: "Wir sind gut drauf und wollen unsere Chance wahrnehmen. Dass das kein Spaziergang wird, ist uns aber klar." Wie gut sie mittlerweile eingespielt sind, zeigt die Tatsache, dass sie sich auch mal mit einem sechsten Platz in einer Jagd begnügen, wenn nach vorn nichts drin ist. Kräfte einteilen, lautet die Devise. Bei den Sprintern revanchierte sich der Doppel-Olympiasieger Jens Fiedler aus Chemnitz für die am Vorabend erlittene Niederlage gegen den Erfurter Rene Wolff. Im Keirin feierte der Junioren-Weltmeister Daniel Giese aus Berlin seinen ersten Sieg im Rahmen eines Sechstage-Programms. Im Rundenrekordfahren unterlag Giese dem wesentlich routinierteren Fiedler nur um eine Hundertstelsekunde, nahm es aber gelassen: "Besser hier als bei einer WM".
Bei den Stehern führte erneut kein Weg an Ex-Weltmeister und Europameister Carsten Podlesch aus Berlin vorbei. Der Profi vom Team Wiesenhof strebt den achten Gesamtsieg in Folge an. Bemerkenswert: Sein Schrittmacher Bruno Walrave, weltweit erfolgreichster Tempobolzer, bestritt das Rennen gehandicapt. Der Holländer quält sich mit einer angerissenen rechten Achillessehne. Nicht eben angenehm beim Absteigen vom unhandlichen Steher-Motorrad. Aber Walrave winkt lächelnd ab: "Beim Fahren vergesse ich das ganz schnell." Könnt Ihr noch? Na klar.

