Als Hertha Geschichte schrieb

Der Pokalschreck der Saison 1992/93 waren die Amateure von Hertha BSC. Ihr Siegeszug gegen die Profi-Konkurrenz wurde erst am 12. Juni 1993 im Finale von Bayer Leverkusten gestoppt. Ihr Erfolg ist auch nach zehn Jahren noch unvergessen.

Es begann alles ganz unverdächtig. Als die 487 Zuschauer am 12. September 1992 den Sportring Wedding (heute Hanne-Sobek-Sportanlage) an der Osloer Straße verließen, ahnte niemand von ihnen, was auf den Tag genau neun Monate später passieren würde.

Die drittklassigen Amateure von Hertha BSC hatten gerade (nach einem Freilos in der 1. Runde) den badischen Verbandsliga-Klub SG Kirchheim Heidelberg im DFB-Pokal hoch verdient mit 3:0 bezwungen. Ein standesgemäßes Resultat, das kein Aufsehen erregte und nur statistischen Wert zu besitzen schien. Und wer kannte schon außerhalb Berlins die Torschützen Oliver Holzbecher (2) und Zoran Milinkovic? Doch die scheinbar unbedeutende Partie brachte einen Stein ins Rollen. Gestoppt wurde er erst am 12. Juni 1993. Da bestritt der Talentschuppen des damaligen Zweitligisten, inzwischen im ganzen Land liebevoll nur Hertha-"Bubis" genannt, das Pokalfinale - als erstes drittklassiges Team seit Einführung des Wettbewerbs 1935.

Das Bild hat sich eingeprägt: Berliner Jungs, Arm in Arm beim Abspielen der Nationalhymne. Nicht vor 487, sondern vor 76 391 Fans im Olympiastadion und einem Millionenpublikum an den Fernsehschirmen. Unglaublich, aber wahr. So eine schöne Geschichte hatte der deutsche Fußball lange nicht geschrieben. Und deshalb wurde der Underdog trotz der 0:1-Niederlage gegen Bayer Leverkusen (Ulf Kirsten traf nach 77 Minuten) vom Publikum so gefeiert, als hätte er gerade den Pott geholt.

Ein reiner Freudentag war das verregnete Endspiel für die Amateure jedoch nicht. Der Geiz des Vereins, jeweils nur eine von 21 Karten pro Spieler gratis abzugeben, hatte im Vorfeld der Partie für Verstimmung bei den Pokalhelden gesorgt. War das der Lohn dafür, dass sie den kriselnden Traditionsklub aus den Negativ-Schlagzeilen geschossen und von den größten Finanzsorgen befreit hatten?

Die Hertha-"Bubis", vom Ex-Unioner Karsten Heine geformt und von dessen Nachfolger Jochem Ziegert seit August 1992 trainiert, eroberten die Herzen der Fans im Sturm. Galt das 4:2 gegen den späteren Bundesliga-Aufsteiger VfB Leipzig noch als eine Überraschung unter vielen, so brach nach dem 4:3-Erfolg (nach 0:2-Rückstand!) im Achtelfinale gegen Hannover 96 das Pokalfieber an der Spree aus. Und nach den 2:1-Erfolgen gegen den 1. FC Nürnberg im Mommsenstadion (Daniel Lehmann erzielte acht Minuten nach seiner Einwechslung kurz vor Ende der regulären Spielzeit den entscheidenden Treffer) und den Chemnitzer FC im Olympiastadion taumelte Fußball-Berlin vor Begeisterung.

"Diese Nacht werde ich nie vergessen", sagte Libero Sven Meyer über die Jubel-Party nach dem Erreichen des Endspiels. Meyer hatte gegen Chemnitz per Kopf das 2:0 erzielt und ließ sich darauf im "State Street" eine dicke Havanna (sein Markenzeichen) schmecken. In der Eckkneipe des früheren Hertha-Torjägers Karl-Heinz Granitza stieg die große Sause. Ohne die Schmidt-Zwillinge Andreas und Oliver, die für ihr Abi büffeln mussten. Weit nach Mitternacht holte Mittelfeldspieler Gerald "Gerry" Klews (damals 20) den Kronleuchter von der Decke.

Frech und unbekümmert waren die Hertha-"Bubis" auch beim Feiern. Und dabei ungemein sympathisch.