Es war der Mut der Verzweiflung, mit dem die Lehrer der Neuköllner Rütli-Hauptschule die ach so vermeintlich klugen Politiker und Bildungsexperten auf den harten Boden der Realität gezwungen haben. Was zunächst nur als Hilfeschrei an den heimischen Senat gedacht war, hallte unerwartet durch die ganze Republik und hat eine Debatte bis hinein in den Bundestag angestoßen, die überfällig ist. Daß es in vielen deutschen Hauptschulklassen an Sprachkenntnissen, Lernbereitschaft und Disziplin mangelt, ist seit vielen Jahren kein Geheimnis. Die Bildungspolitiker hätten zu lange weggeguckt in der Hoffnung, vieles regele sich von allein, räumte auch Berlins Schulsenator Klaus Böger ein. Wenn Einsicht tatsächlich der erste Schritt zur Besserung ist, dann ist dem Kollegium der Rütli-Schule für ihren Mut doppelt zu danken.
Denn es geht um mehr als nur ein gravierendes Schulproblem. Endlich scheint begriffen zu werden, daß vor allem in den Problemquartieren der Großstädte eine verlorene Generation heranwächst, die für eine qualifizierte Berufsausbildung kaum noch befähigt ist. Das betrifft übrigens nicht nur Jugendliche mit Migrationshintergrund, sondern auch junge Deutsche aus sozial besonders schwachen Familien. Und nicht länger läßt sich leugnen, daß Integrationspolitik in Deutschland, die es bislang ohnehin allenfalls in halbherzigen Ansätzen gab, grandios gescheitert ist. Das jahrzehntelange Predigen von fast grenzenloser Toleranz hat mit zu dem geführt, was uns heute in Form von Gettoisierung und Parallelgesellschaft zu schrecken beginnt. Ernstzunehmende Versuche, dieser Fehlentwicklung zu begegnen, gab es kaum. Wer es dennoch wagte, sah sich prompt als "Ausländerfeind" an den Pranger gestellt. Auch dies eine Saat der 68er-Generation, die jetzt voll aufgeht.
Weder schulische Bildung im Kleinen noch die gesellschaftliche Integration im Großen sind Einbahnstraßen. Natürlich hat der Staat Voraussetzungen zu schaffen und Unterstützung zu gewähren. Aber ebenso natürlich müssen Schüler, die sich um ihre Zukunftsperspektiven sorgen, und Ausländer, die hier ihren neuen Lebensmittelpunkt suchen, akzeptieren, daß sie auch in die Pflicht genommen werden. Wer nur das eine wie selbstverständlich erwartet und das andere verweigert, muß Konsequenzen spüren. Kein Staat, der ernst genommen werden will, kann sich als Selbstbedienungsladen verstehen.
Die Debatte darüber ist endlich entbrannt. Wenn ihr bald auch Taten folgen, könnte es zur überfälligen Wende kommen. Angestoßen von einer Schule in Berlin ...

