Berlin - Darf man Adolf Hitler als Menschen zeigen, darf man sich in ihn einfühlen, gar Mitleid mit ihm haben? Es waren unausweichlich solche Fragen, die ein beeindrucktes, verwirrtes, verunsichertes Publikum nach der Pressevorführung des Films "Der Untergang" an Drehbuchautor, Regisseur und Darsteller stellte. Fast 60 Jahre nach dem Ende des Dritten Reichs begegnet man im Kino dem durch Bruno Ganz verkörperten Diktator in einer Intimität und Nähe, die es so noch nie gegeben hat.

Die Begegnung ist erschütternd auch für denjenigen, dem die Berge von Literatur und die Ströme von Fernsehdokumentationen über das nationalsozialistische Deutschland und seinen "Führer" nicht ganz unbekannt sind. Der Film über Hitlers letzte zwölf Tage im "Führerbunker" unter der Reichskanzlei hält sich eng an das, was faktisch über diesen gespenstischen Untergang gesichert ist. Der Produzent und Drehbuchautor Bernd Eichinger sagt, er wolle diese Geschichte erzählen, nicht interpretieren. Erzählen, wie es eigentlich gewesen ist, das ist das klassische Programm der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts.

Wer in diesem Sinne der Wahrheit über Hitlers letzte Tage nahe kommen will, darf sich in der stickigen Enge der Bunkerwelt Hitler nicht durch eines der geläufigen Interpretationsmuster - ist er der Teufel persönlich oder nur sein begabtester Darsteller? - vom Leibe halten, er darf kein Lehrstück inszenieren wollen, weder ein moralisches noch ein politisches. Dass "Der Untergang" sich kühl pädagogischer Intentionen enthält, dass die Frage nach der "Botschaft" bei diesem Film so offenkundig ins Leere geht, macht einen Teil seiner verstörenden Wirkung aus.

Das deutsche Publikum sieht sich plötzlich allein gelassen mit Hitler, mit diesem Dämon, dessen Schatten länger und länger zu werden schien und der es immer wieder schaffte, die Nation aus bequemen Normalitätsträumen aufzuschrecken. Nun steht es ihm Auge in Auge gegenüber. Der Dämon erweist sich als Mensch mit nicht gerade anziehenden, aber doch verstehbaren Charakterzügen und Empfindungen, es gibt Momente, in denen er sympathische Züge gewinnt oder man sich ein leises Mitleid nur schwer verkneifen kann.

Der Film bietet Hitler-Bilder, die bezeugt sind, jedoch noch nie zu sehen waren: Hitler, der Eva Braun auf den Mund küsst, Hitler, der weint, Hitler im Tobsuchtsanfall. Das weithin bekannte, meist propagandistischem Kontext entstammende Dokumentarmaterial kann solche Bilder aus nahe liegenden Gründen nicht bieten. Und die fiktionale Produktion von Hitler-Bildern kam bisher kaum ohne parodistische und karikierende Verzerrung oder Überzeichnung ins Monströse aus. Als Nichtgesicht mit Bärtchen ist Hitler das Emblem des Bösen an sich, die gruselige Ikone der Nachtseite des 20. Jahrhunderts. "Der Untergang" fügt dem Bildervorrat der historischen Fantasie kraftvolles Material hinzu. Man ist geneigt, den von Bruno Ganz gespielten Hitler für den authentischsten Hitler zu halten, den es je gab. Was sagt diese Paradoxie über das heutige Verhältnis der Deutschen zu ihrem großen Verderber aus? Ist die Besessenheit, mit der Bernd Eichinger das Bunkerprojekt verfolgte, ist die gewaltige mediale Resonanz, die der Film schon vor dem Kinostart findet, eben doch ein Zeichen dafür, dass Deutschland noch immer im Bann des Dämons steht, ja dass dessen Macht im Bewusstsein der Nachwelt mit dem zeitlichen Abstand nicht abnimmt, sondern wächst?

Oder spricht es für eine erfolgreiche Emanzipation, dass jetzt im Kino auch Hitler realistisch dargestellt wird, also nicht als "Unperson", die zwar im Zentrum eines politisch-moralischen Diskurses über deutsche Geschichtsschuld steht, das größte negative Faszinosum der jüngeren Geschichte ist, aber der menschlichen Gattung eigentlich nicht zugerechnet werden kann?

Das Letztere ist wahr. "Der Untergang" ist ein Zeichen der Emanzipation. Die Kraft zur Vergegenwärtigung kommt aus der Distanz. Die Beteuerungen des Filmteams, am Set habe meist eine sehr ernste Stimmung geherrscht, sind eine unfreiwillig komische Reminiszenz an jene Zeiten, in denen die Beschäftigung mit Hitler noch ganz im Zeichen der Kontaminationsgefahr durch den Untoten stand, von dem für das unbedarfte Publikum wie auch für den, der sich schreibend oder filmend auf ihn einließ, unkalkulierbare Gefahren ausgingen.

Was auf der Leinwand zu sehen ist, bestätigt aber, dass "Der Untergang" nicht ein verspäteter weiterer Beitrag zum Nazi-Exorzismus ist, sondern die Darstellung eines Dramas, das spannender, bestürzender und in gewissem Sinne auch wahrhaftiger nicht erfunden werden könnte.

Der Film nähert sich dem Stoff mit einer Reife, die den Verdacht, er wolle nur niedere voyeuristische Gelüste bedienen, gar nicht erst aufkommen lässt. Er öffnet zwar den Blick in das intimste Zentrum des deutschen Untergangs. Aber das ordnet sich ein in einen allgemeinen Perspektivenwechsel, der etwa seit der Jahrhundertwende im deutschen Geschichtsbewusstsein stattfindet und vielleicht einmal als die entscheidende politische und kulturelle Signatur des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts bezeichnet werden wird.

In der anschwellenden Flut der Familienliteratur wird ein Bedürfnis wenn nicht nach Versöhnung mit der "Tätergeneration" so doch nach Verständnis bearbeitet; Flucht, Vertreibung und Bombenkrieg werden als Leidensgeschichte erinnert und der politischen Instrumentalisierung entrissen; der Erste Weltkrieg als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts kehrt langsam auch ins Bewusstsein der Deutschen zurück.

Deren Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts, dem Hitler wie niemand sonst seinen Stempel aufgedrückt hat, wird weiter und freier. Die Neugier darauf, wie es eigentlich gewesen ist, auch im Mikrokosmos der Familien und Nachbarschaften, kann befriedigt werden ohne die Angst, dass "unscharfe Bilder", moralische Grauschattierungen, undeutliche Grenzen zwischen Tätern und Opfern die politischen Lehren gefährden könnten, welche die Deutschen aus ihrem katastrophalen Versagen gezogen haben.

Die Deutschen haben ihre Geschichte, aber sie haben sie nicht mehr am Hals. Das erlaubt es ihnen auch, Hitler in die Augen zu schauen.