Gleich zwei neue spektakuläre Drittes-Reich-Filme sind am Montag den Medien in Berlin erstmals vorgeführt worden: "Der Untergang" und "Das Goebbels-Experiment". Zugleich fanden Führungen zu den Schauplätzen der letzten Tage des Regimes statt.

Man geht erst eine Treppenflucht hinunter, scharfer Schwenk rechts, dann eine zweite Treppe. Abrupter Halt. Ausweiskontrolle, Taschenkontrolle. Noch einmal nach rechts in einen düsteren Raum. Wir befinden uns nun zehn Meter unter der Erdoberfläche des Potsdamer Platzes. Es ist ein Nachmittag Ende August 2004, und wir sind durch all die Raubkopieverhinderungssperren vorgedrungen in die Gedärme des Cinestar zur ersten Vorführung des Bernd-Eichinger-Films "Der Untergang".

Die letzten Lichter verlöschen, und wir sehen auf der Leinwand Figuren eine Treppenflucht herabgehen, ein Schwenk nach rechts, dann eine zweite Treppe. Abrupter Halt. Ausweiskontrolle, Taschenkontrolle. Noch einmal nach rechts in einen düsteren Raum. Wir befinden uns zehn Meter unter der Erde im Führerbunker in der Wilhelmstraße, keinen Kilometer vom Potsdamer Platz. Es ist ein Nachmittag Ende April 1945, die Russen kreisen das Regierungsviertel ein, und zum Schluss verabreicht Magda Goebbels ihren Kindern Helga, Hilde, Helmut, Holde, Hedda und Heide einen Schlaftrunk und zerdrückt eine Giftampulle zwischen ihren Zähnen.

Nach dem Film tauchen wir kurz aus dem "Untergang" auf, um uns erneut in den Untergrund zu begeben, per U-Bahn zum Flughafen Tegel. Dort wartet ein Bus, der auf die alte Reichsautobahn fährt, tief in einen Wald 40 Kilometer nördlich Berlins. Ein verfallenes Pförtnerhäuschen, eine Schuppenmonstrosität und dann das Herz des Geländes: ein u-förmiges, einstöckiges, schmuckloses Gebäude, Sorgenkind der Bundesvermögensverwaltung, davor Ort der Pressekonferenz von Bundeskanzler Schmidt bei seinem DDR-Besuch, davor FDJ-Kaderschmiede - und davor Amtssitz und Liebesnest des Joseph Goebbels.

Des Doktors früheres Wohnzimmer besitzt eine Glasfront von der Decke bis zum Boden und automatische Fensterheber. Die Aussicht auf den Bogensee jedoch ist mit einer schwarzen Gardine verhängt, denn hier findet eine weitere Pressevorführung statt: "Das Goebbels-Experiment" folgt dem Leben des Ministers von der Bahre bis zum Grabe; der Dokumentarfilm kommt Ende des Jahres in unsere Kinos.

Wir sehen darin einen Bus, der Journalisten einsammelt und zu einer Pressevorführung karrt. Dort wird ihnen die perfekt inszenierte Goebbels/Hitler-Doppel-Show bei den Arbeitern der Siemensstadt vorgeführt, Berlin 1933. Außerdem sehen wir Helga, Hilde, Helmut, Holde, Hedda und Heide wieder: zuerst, wie sie für die Familienschmalfilmkamera auf der Terrasse vor der Fensterfront mit der Hubautomatik umhertollen; später in einer sowjetischen Wochenschau, engelsgleich in weißen Kleidchen, alle sechs beisammen liegend, und die letzten in der Reihe sind ihre verkohlten Eltern.

Die Filmbilder sind gerade verklungen, da ertönt ein Reißen. Das schwere, schwarze Tuch löst sich wie von Geisterhand von seinen Klettverschlüssen und gibt den Blick auf die Terrasse frei. Wir sehen hinaus, halb Helga, Hilde, Helmut, Holde, Hedda und Heide dort erwartend. Doch da ist nur Dunkelheit.

Hanns-Georg Rodek