Als im Rahmen der 750-Jahr-Feier Berlins der Kurfürstendamm 1987 Austragungsort des Prologs zur Tour de France war, schien alles noch so einfach. Bedenkenlos schickten Tausende Begeisterte die Radfahrer auf eine irrwitzige Reise nach Frankreich, die weder durch Naturgewalten noch durch menschliche Grenzen gestoppt werden konnte. Moderne Gladiatoren, mit denen fortan live am Fernseher gelitten wurde, bis auf den Champs-Élysées der Beste unter ihnen zum König ernannt wurde. Wie sich die Zeiten doch ändern.
Auf der Parliament Street durch das Herz Londons gehen beim heutigen Prolog Vorurteile, Verdächtigungen und Zweifel mit an den Start. 3569 Kilometer lang werden sie die Fahrer nicht abschütteln können wie nach gelungener Dopingvorbereitung einst die Konkurrenz.
Rudolf Scharping, der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer, sagt: "Ich gucke mir die Tour de France deutlich ernüchterter an als in der Vergangenheit - aber ich gucke sie mir an." Viele werden es tun, ob Schaulustige oder Unbelehrbare. Noch ist die Notwendigkeit im Kampf gegen Doping in der Gesellschaft nicht ganz angekommen. Nur so erklärt sich, dass einem Erik Zabel nach dessen Doping-Geständnis zugejubelt wurde oder dass sich einige von Jan Ullrich gar sehnlichst ein Comeback wünschen. Wenn alle betrügen, ist der Betrug des Sympathieträgers halt ein Kavaliersdelikt.
Diesmal aber wird es Zuschauer geben, die abschalten. Irgendwann auf einer der zwanzig Etappen vielleicht, denn es könnte langweilig werden. Kaum Ausreißversuche, weil man sich als Fahrer dadurch nur verdächtig macht. Und Heldenstatus kann auf dieser Tour ohnehin niemand mehr erreichen. Oder wie sagte Andreas Klöden der Berliner Morgenpost so schön: "Ich wünsche mir nichts sehnlicher als zu gewinnen, obwohl ich mir gut vorstellen kann, dass der diesjährige Gewinner nicht so viel Freude am Sieg haben wird."
Wie sollte er. Es wird ihn ein Spießrutenlauf erwarten. Einen Vorgeschmack bekamen die Fahrer dieser Tage, als niemand nach Form und Favoriten fragte. Klödens Teamkollege Alexander Winokurow musste sich während einer Pressekonferenz in London von Buchautor Paul Kimmage ("Der harte Ritt") sagen lassen: "Es ist ekelhaft, wenn ich mir vorstelle, Sie gewinnen die Tour." Die französische Musikgruppe "La Plage" schrieb für die Rundfahrt den hämischen Song "Epo, I love you", in Frankreich bereits ein Hit.
Das Schlimmste jedoch wird für die Fahrer das Misstrauen untereinander sein. Früher, da dopten sie alle. Und diesmal? Gerolsteiner-Chef Hans-Michael Holczer stand bei einem Treffen aller Teamchefs auf und verließ den Raum, als ein spanischer Kollege sagte: "Wir nehmen nur Medizin wie andere Sportler auch, das ist kein Doping." Die 94. Auflage der Tour wird ein Himmelfahrtskommando.

