London - Die Tour-Favoriten Alexander Winokurow und Andreas Klöden sind vor der Fahrt ins Ungewisse heftig in die Defensive gedrängt worden. Im Pressegespräch im Londoner Messezentrum Excell wurden die Astana-Profis vor dem heutigen Start der Tour de France fast nur mit Doping-Fragen konfrontiert. Was Klöden, Basecap tief im Gesicht, Blick nach unten gerichtet, nicht gefiel. "Ich beantworte nur Fragen zu meiner Form. Ich habe keine Lust, jeden Tag alle Fragen nach irgendwelchen durchgeknallten Jaksches zu beantworten", giftete er. Sein früherer Telekom-Kollege Jörg Jaksche hatte auch Winokurow indirekt mit Doping in Verbindung gebracht.
Der Astana-Kapitän aus Kasachstan war souveräner als der etwas pampige Klöden, der wohl auch sauer war, weil er von der Teamleitung als Nummer zwei im internen Machtgefüge für die Tour eingenordet wurde. Winokurow wehrte sich gegen Kritik und Dopinggerüchte routiniert. Er habe hart und intensiv gearbeitet, um sich seinen Lebenstraum zu erfüllen. Winokurow, 2003 Tourdritter hinter Lance Armstrong und Jan Ullrich: "Sollte das gelingen, wird das ein sehr schöner Tag für mich werden."
Für Winokurow und Klöden wäre der Toursieg die größte Erfüllung überhaupt. All ihr Streben ist letztlich auf dieses Ziel ausgerichtet. Aufgrund dieser extremen Fixierung vieler Profis hat Suchtexperte Götz Mundle den Radsportlern vor dem Start der Tour ein suchtähnliches Verhalten vorgeworfen. "Viele dieser Athleten sind süchtig nach Erfolg. Ich erkenne das an ihrer mangelnden Wahrnehmung der Gefahren durch leistungssteigernde Mittel", sagte der Chefarzt und Geschäftsführer der Oberbergkliniken. "Da gibt es Parallelen zu Alkohol- oder Drogenabhängigen, die ihre Sucht auch durch unkontrollierten Konsum befriedigen."
Ein typisches Suchtverhalten zeige sich auch in dem verminderten Unrechtsbewusstsein der gedopten Radprofis. Viele behaupteten von sich, nicht betrogen zu haben, da sie wie jeder andere gehandelt hätten. "Ich sage aber nicht, dass diese Profisportler süchtig im Sinne einer Krankheit sind. Das müsste man individuell beurteilen", sagte der Mediziner.
Mundle ist der Meinung, "das ganze System Leistungssport ist ein Abbild unserer Gesellschaft und als ein solches süchtig nach Erfolgen. Dabei werden ethisch-moralische und körperliche Grenzen überschritten." Die Flut von Dopingbeichten hält er für eine Art von Gesprächstherapie, in der sich Suchtbetroffene den Kummer von der Seele reden. Bei Klöden und Winokurow ist es aber wohl so, dass diese beiden bislang kein Kummer plagt.

