Moskau - Schweres militärisches Gerät rollte gestern zum 63. Jahrestage des Sieges über Hitler-Deutschland über den Roten Platz. Jagdflugzeuge, Fernbomber und Tankflugzeuge donnerten über die Köpfe der Zuschauer der Parade, die erstmals seit 17 Jahren wieder in dieser Form abgehalten wurde. Mit 8000 Teilnehmern aus allen Waffengattungen war dies die größte Militärparade, die die russische Hauptstadt je gesehen hat. Die geladenen Gäste auf dem Platz sahen das bunte Schauspiel mit Begeisterung.

Unter den ausschließlich russischen Gästen auf der Ehrentribüne: Russlands gerade ins Amt eingeführter Präsident Dmitri Medwedjew, der zugleich Oberkommandierender der russischen Streitkräfte ist, und sein Vorgänger und nunmehriger Premierminister Wladimir Putin.

"Endlich rollen wieder Waffen"

"Das wurde aber auch Zeit", freute sich Jewegeni Popow, ein 83-jähriger General a. D. am Rande der präzise einstudierten Militärshow. "Endlich rollen wieder schwere Waffen über den Roten Platz. Das zeigt dem Westen, dass wir wieder kampfbereit sind."

Die Parade begann Punkt zehn Uhr Moskauer Zeit (8.00 Uhr MEZ) mit dem letzten Schlag der Glocke vom Spasski-Turm. In einer kurzen Ansprache beschwor Präsident Medwedjew den Tag als Symbol der nationalen Einheit. Die damaligen Sieger hätten "den großen Glauben an unsere nationale Kraft, Selbständigkeit und Freiheit" gestärkt, sagte er.

Bewaffnete Konflikte entstünden nicht von selbst, sagte Medwedjew verklausuliert an die USA und den Westen gerichtet, "sie werden von jenen entfacht, deren verantwortungslose Ambitionen sich über die Interessen der Länder und ganzer Kontinente erheben". Er warnte davor, sich in die Angelegenheiten anderer Staaten einzumischen oder sogar Grenzen verändern zu wollen. Die Missachtung des Völkerrechts - eine Anspielung auch auf den Irak-Krieg und die Entwicklung auf dem Balkan und im Kosovo - dürfe nicht zugelassen werden.

Demonstration militärischer Stärke

An die russischen Militärs gewandt, sagte Medwedjew, "unsere Armee und Flotte gewinnt an Kraft, sie wird stärker, wie Russland auch". Russische Oppositionelle hatten die Parade bereits im Vorfeld als überflüssiges "Säbelrasseln" verurteilt. Sie sei lediglich der Versuch, die unhaltbaren Zustände in der Armee zu übertünchen, sagte der Bürgerrechtler Lew Ponomarjow. Putin, zu dem Zeitpunkt noch im Amt des Präsidenten, wies die Vorwürfe zurück. Russland bedrohe niemanden. Die Parade sei lediglich eine "Demonstration unserer wachsenden Möglichkeiten in der Verteidigungssphäre". Russland sei in der Lage, seine Menschen, den Staat und seine Reichtümer zu schützen, sagte Putin.

Tatsächlich war die Parade bis auf wenige Ausnahmen eine Demonstration sowjetischer Militärtechnik, die dem russischen Staat als Rechtsnachfolger der 1991 zerfallenen Sowjetunion in die Hände gefallen war. Diese Technik ist sicher nicht schlecht, aber sie hängt weit hinter den modernen Standards zurück. Die meisten der vorgeführten Flugzeuge, eine Ausnahme bildet der Jagdbomber Su-34, wurden bereits in den Achtziger- und sogar Siebzigerjahren in Dienst gestellt. Wenn etwa Russlands strategische Bomber, die seit über 25 Jahren ihren Dienst versehen, heute wieder weltweit agieren, liegt das daran, dass die Luftwaffe wieder mehr Geld für Treibstoff und damit für Ausbildungsflüge hat.

Fehlgeschlagen ist in den Jahren der Putin-Regentschaft die immer wieder als Hauptaufgabe betonte Armee-Reform. Es ist bis heute nicht gelungen, aus dem sowjetischen Erbe moderne, schlagkräftige Streitkräfte zu formen. Die angestrebte wenn auch nur teilweise Umwandlung in eine Berufsarmee ist weit von ihrem Ziel entfernt. Die "Djedowschtschina", das Quälen von Rekruten durch länger dienende Soldaten und Offiziere, frisst wie ein Krebsgeschwür am Körper der Streitkräfte. 224 Soldaten beendeten ihren Dienst im vergangenen Jahr vorzeitig durch Selbstmord.

51 Prozent der Russen beurteilen denn auch den Zustand ihrer Armee als schlecht, nur sechs Prozent meinen, er sei gut. Die Folge - niemand will eingezogen werden. Die Eltern der Wehrpflichtigen bringen Tausende von Dollars auf, um ihre Sprösslinge vom Armeedienst freizukaufen. Da mutet es schon irrational an, wenn gerade junge Russen mit glänzenden Augen auf die vorbeiparadierende Militärtechnik blicken, aber um keinen Preis der Welt bereit sind, für diese Technik die Uniform anzuziehen.

Nach Einschätzung von Militärexperten mangelt es den russischen Streitkräften an modernen Befehlsstrukturen, es fehlen kleine, flexible, für lokale Konflikte dringend benötigte Gruppierungen. Die einstige Vorzeigeeinheit, die 75. Luftlandedivision in Pskow, ist längst zum Problemfall geworden.

Während die gegenwärtige Führung mit der Militärparade vom Freitag den Eindruck zu erwecken versuchte, die Armee - insbesondere mit ihren strategischen Topol-Atomraketen - sei wieder ein Machtfaktor in der Welt, hat der russische Rat für nationale Strategie, ein gegenüber dem Kreml kritisch eingestellter "Think tank", eine völlig gegenläufige Tendenz ausgemacht.

Russland bleibe nicht nur technologisch weiter hinter der Konkurrenz zurück. So seien der als neu "verkaufte" Jagdbomber Su-34, von dem in den letzten acht Jahren auch nur zwei hergestellt wurden, und der gestern ebenfalls vorgeführte Panzer T-90 lediglich Modifikationen älterer Modelle.

Aber vor allem im Bereich der strategischen Atomwaffen, dem "Garant der russischen Souveränität", wie es der Kreml sieht, sei es unter der Führung Putins steil bergab gegangen. So konnten in der Zeit zwischen 2000 und 2006 lediglich 27 ballistische Raketen in Dienst gestellt werden, während 294 abgeschrieben werden mussten. In den finanzschwachen Neunzigerjahren hätten die Streitkräfte immerhin 92 Raketen erhalten. Von dem noch aus den Achtzigerjahren stammenden strategischen Bombertyp T-160 konnte der Hersteller innerhalb von acht Jahren tatsächlich nur ein einziges Exemplar liefern. Doch "gibt es keine strategischen Streitkräfte, gibt es keine Souveränität", resümiert der Rat. Denn mit der restlichen Armee sei kein Staat zu machen. Einen groß angelegten Angriff eines starken Aggressors könne diese Truppe nicht abwehren. Von einem eigenen Angriff gar nicht zu reden, darf daraus geschlussfolgert werden.

Kein Wettrüsten mit den USA

Wenn in jüngster Zeit im Westen der Eindruck entstanden ist, Russland rüste gefährlich auf, so trügt das Bild, an dem Ex-Kremlchef Putin mit seiner aggressiven Wortwahl absichtsvoll mitgewirkt hat. Selbst mit seinem bis zum Jahr 2015 angelegten Rüstungsprogramm kann Moskau seinen gewaltigen Nachholbedarf an neuer Technik nicht realisieren und dabei die steigenden Unterhaltskosten für die Truppe bezahlen. Die Ausgaben bleiben zudem weit hinter denen der Amerikaner zurück. Die russische Führung, die sich zwar von den USA herausgefordert fühlt, will sich dennoch nicht auf ein zweites Wettrüsten einlassen.

Stattdessen befördert sie unterschwellig noch aus dem Kalten Krieg stammende Ängste. Putin beispielsweise wusste sehr genau, wie nervös man gerade in Deutschland auf martialische Töne aus dem Kreml reagiert, besonders, wenn dabei Assoziationen an die Raketenkrise der Achtzigerjahre geweckt werden. Das Wunschziel dieser Ausfälle: Russland will als Großmacht akzeptiert werden. Und da, so scheint es, sind die Ängste vor einer Militärmaschinerie genauso nützlich wie Raketen und Flugzeuge, die man in der einst vorhandenen Anzahl sowieso nicht mehr besitzt.

Für die Kadetten der Suworow-Militärschule, deren Orchester traditionell die Parade eröffnet hatte, liegt das alles außerhalb des Vorstellungsvermögens. Sie waren von dem gestrigen martialischen Schauspiel einfach nur begeistert. "Das war toll", jubelte der 16-jährige Sascha. Wie auch seine Mitstudenten will er so eine Parade jedes Jahr sehen. Damit, so meint er, werde Tapferkeit und Kampfeswillen demonstriert, "wie ihn unsere Väter bewiesen haben".