Der Regie-Revoluzzer vom Rosa-Luxemburg-Platz und der außenseiterische Sturm-und-Drang-Dichter, das klingt nach einer vielversprechenden Liaison. Und sie währt auch einige Zeit. In Wien hat Frank Castorf 2008 Wolfgang Rihms Oper „Jakob Lenz“ auf die Bühne gebracht, vor sechs Wochen feierte in Zürich seine Inszenierung des „Hofmeisters“ Premiere. Und nun also „Die Soldaten“ an der Volksbühne. Nahezu ungekürzt lässt der seinem Image als Stücke-Zertrümmerer nur noch selten gerecht werdende Volksbühnen-Intendant die „Komödie“, in der das Bürgermädchen Marie zum Soldatenspaß mit falschen Liebesversprechungen ihrem braven Bräutigam abspenstig und zur Hure gemacht wird, hier vom Blatt spielen.
Nur hat er ihr im Grunde kaum etwas hinzuzufügen. Das anti-idealistische, den Trieb mit einberechnende Menschenbild Lenzens entspricht dem Castorfs. Der These von der Rohheit des Militärs kann er nur zustimmen. Nur Lenz' quasi-optimistischen Schluss, der eine institutionalisierte Form der Soldaten-Prostitution mit staatlich subventionierten Konkubinen imaginiert, kontert Castorf gewohnt pessimistisch mit einem „Warten auf Godot“-Zitat.
Stark macht der Regisseur auch die Ähnlichkeit des geprellten Brautwerbers Stolzius mit Büchners Woyzeck. Wenn Mex Schlüpfer als jener bemitleidenswerte Tuchhändler bei Axel Wandtkes Offizier Haudy Maß nimmt, erinnern dessen Auslassungen übers „Denken, denken, was der Mensch ist“ stark an die erniedrigenden Hauptmann-Szenen in Büchners Drama. Im Gegensatz zu Woyzeck bringt Stolzius den Nebenbuhler um, was Mex Schlüpfer immerhin eine schön rachsüchtig-wütige Brüll-Version von Sinatras „My way“ einbringt.
Ansonsten bebildert Castorf leider über weite Strecken ideen- und reizlos der Reihe nach Lenz' fragmentarisch anmutende Szenen, deren Personal und Setting per Laufschrift über der Szene angezeigt werden. Dabei lässt er in Bert Neumanns Saison-Einheits-Bühnenbild (rundum schwarz abgehängter Gesamtraum) immer wieder mit Papierbahnen behangene Kulissen-Wände durch die Gegend tragen. Dazwischen nur wenige Requisiten: Bierkrüge auf Tischen, Doppelstock-Feldbetten, eine mit Lust-Schaum gefüllte Badewanne, in der man sich auch mal zu dritt übereinanderwälzen kann. Die jungen Damen tragen Perücken und enge Kleider oder aufreizend flitternde Röcke, die Soldaten Dreispitz und Rüschen am Hemd (Kostüme: Adriana Braga). Von aktuellen Parallelen, etwa zu Abu Ghraib, die das Programmheft suggeriert, sieht man auf der Bühne nichts.
Geradezu dankbar ist man um die eingebauten Passagen aus Bernd Alois Zimmermanns Opernversion der „Soldaten“, bei der Sir Henry die spielwitzig-selbstironische Sängerin Ruth Rosenfeld am Flügel begleitet –auch wenn man nicht recht weiß, wieso es (außer eben zur Publikums-Erleichterung) diese Opern-Aufpeppung braucht. Ebenfalls dankbar ist man Margarita Breitkreiz in der Rolle der ins Unglück verführten Marie. Sie ist das Vitalitätszentrum des sonst so kraftlosen Abends, liebäugelt und kokettiert und hüftschwingt drauflos, immer mit Verve, oft frech, manchmal hysterisch.
Die meiste Zeit aber sehnt man sich doch nach Castorfs ehemaliger, so grandios eigenwilliger Schauspieler-Riege zurück – und stellt sich vor, was Henry Hübchen, Martin Wuttke, Bernhard Schütz und Co. aus diesen „Soldaten“ hätten machen können.
"Die Soldaten" an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin-Mitte. Tel.: (030) 24065777. Termine: 27. Februar; 5., 11. und 30. März, 19.30 Uhr.




