Was ist nur dran an diesem britischen Star, daß ihm die ganze Welt (mit Ausnahme der USA) zu Füßen liegt? Warum befindet sich Berlin seit Tagen im Ausnahmezustand? Robbie Williams ist ein großes Puzzle. Josef Engels beschreibt die Einzelteile.

Die Vermarktung Pop-Karrieren, so lautet ein Vorurteil, entstehen heutzutage am Reißbrett. Bis zu einem gewissen Punkt war das zweifellos auch bei Robbie Williams der Fall. 1989 wurde der 15jährige von seiner Mutter zu einem Casting geschickt. Gesucht wurden fünf männliche Teenager, die neben musikalischer Grundbegabung und Tanzbefähigung ein möglichst weites Spektrum an Traummann-Klischees für die junge weibliche Zielgruppe abdecken sollten. Aus Robert wurde "Robbie", der Klassenclown, Spitzbub und Rabauke; aus "Take That", dem Resultat des Castings, wurde eine europaweite Hit-Maschine. Williams füllte seine Rolle allerdings viel stärker aus, als es der Busineß-Plan vorsah. Nach diversen Alkohol-Eskapaden kam es 1995 zum Bruch. Seine erste Solo-Platte soll er im volltrunkenen Zustand aufgenommen haben. Als sich der Erfolg einstellte, entschied sich Williams auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner Beliebtheit dazu, eine Hommage an Frank Sinatra aufzunehmen. Auch da wurde ihm der Untergang prophezeit. Unlängst legte er sich das Kunstfigur-Alter-Ego "Pure Francis" zu, den man sich als Alkoholiker aus Kalifornien vorzustellen hat. All das klingt nicht nach einer kühl durchdachten Marketing-Strategie.

Die Bilder Da kann Madonna noch so oft versuchen, sich alle paar Jahre verkrampft neu zu erfinden: So spielerisch souverän wie Robbie Williams bedient sich keiner aus der großen Klamottenkiste des Pop. Seine Video-Clips und CD-Coverabbildungen nehmen sich aus wie ein ikonographisches Massenkultur-Kompendium der vergangenen fünfzig Jahre. Mal gab er den James Bond, mal den "Riffifi"-Räuber, mal spielte er die britische Fomel1-Legende Jackie Stewart, mal einen melancholischen Cowboy, mal präsentierte er sich per Photoshop-Cloning als jubelndes Fußballteam. Mit diesen augenzwinkernden wie liebevollen Inszenierungen machte er Punkte bei Leuten jenseits der 40. Also bei genau jenen, die noch CDs kaufen und genügend Geld für Konzertkarten haben. Die Klingelton-Jugend läßt sich relativ leicht bedienen. Daß aber auch die Eltern anerkennend lächeln und sogar die Großmutter zum Fan wird - das bekommt nur Williams hin.

Die Musik Die eher laue Song-Qualität der letzten Platte "Escapology" hat ihren Erfolg nicht verhindern können. Woran man sehen kann, daß die Musik nicht unbedingt der wichtigste Grund für Robbie Williams' Größe ist. Fraglos hat die langjährige Zusammenarbeit mit dem Komponisten Guy Chambers hervorragende Lieder hervorgebracht, die sich klug bei den Errungenschaften der Beatles, Queen, Elton John oder des Electro-Pops der neunziger Jahre bedienten. Ob die 2004 eingegangene Kollaboration mit dem von eingeweihten Kritikern geliebten, vom großen Publikum jedoch bislang abgewiesenen Songschreiber Stephen Duffy ähnliches Hit-Material hervorbringt, bleibt offen. Es wird sich zeigen, ob die Figur Robbie Williams stärker ist als ihre Lieder.

Die Ironie Robbie Williams ist ein Entertainer alten Schlages. Als der Sohn eines britischen Kneipen-Comedians vor zwei Jahren in der Wuhlheide auftrat, notierten Beobachter erstaunt, wie er es schaffte, die große Parkbühnen-Arena mit ihren 17 000 Besuchern in ein intimes Cabaret-Theater zu verwandeln. Williams kann ironisch bis zur Selbstzersetzung sein. Er zerstört damit mutwillig den Illusionszirkus eines Rock-Konzerts und führt sein Dasein als Popstar ins Absurde. Über den Humor schafft er eine künstliche Nähe zum Publikum - und hält es gleichzeitig auf Distanz. Das erhöht nur zusätzlich den Reiz, herauszufinden, wer da wirklich auf der Bühne steht: ein pfiffiges, unterhaltsames Bürschchen. Oder ein todtrauriger Clown.

Die Ehrlichkeit Das Bekenntnis, unter Depressionen zu leiden, jahrelang Drogen genommen zu haben und von fürchterlichen Selbstzweifeln zerfressen zu werden, ist keine übliche Popstar-Beichte. Eher ein weiteres Echtheitszertifikat, das sich Robbie Williams ausstellt. Er ist kein metrosexuelles Weichei, sondern der Durchschnitts-Prolet aus einer dysfunktionalen englischen Familie, der auf Fußball, Blondinen, Tattoos und Bier steht und davon träumt, sich bald in Ruhe einen Bauch wachsen lassen zu dürfen. Er ist einer, der sich mit seinem Straßenköter-Charme, seinem großmäuligen Witz und seinen Talenten nach ganz oben gearbeitet hat. "Ich bin einer von Euch!", lautet die Botschaft des Robbie Williams. Die wird millionenfach verstanden. Sogar dann, wenn es der wahre Robert Peter Williams gar nicht so meinen sollte.