Morgenpost Online: In "Die Leber wächst mit ihren Aufgaben" schreiben Sie unter anderem über das ungesunde Leben der "Halbgötter in weiß", von denen jeder fünfte Raucher ist. Wie viel Vertrauen haben Sie noch in Ärzte?

Eckart von Hirschhausen: Ich sage immer: 49 Prozent von ihnen sind besser als der Durchschnitt. Ärzte genießen nach wie vor in der Bevölkerung ein großes Vertrauen. Mit den Auswüchsen, über die ich mich lustig mache, sind natürlich immer die anderen gemeint. Ärzte, Psychotherapeuten und andere Heilberufene sind oft in meinem Programm und auch sehr willkommen, weil sie helfen, neue Ideen weiterzugeben.

Morgenpost Online: Bevor Sie Kabarettist wurden, haben Sie als Arzt in der Kinderneurologie gearbeitet. Wie nahe sind Sie noch an der praktischen Medizin dran?

Eckart von Hirschhausen: Ich war fünf Jahre Fernsehjournalist im Bereich Gesundheit. Ich halte Vorträge bei Kongressen und mache Weiterbildung. In meinem "Arzt - Deutsch/Deutsch - Arzt"-Buch habe ich das Kommunikationsproblem der Medizin angesprochen und die Fachsprache der Medizin enthüllt. Im neuen Buch geht es mehr um den Alltag. Mit meinem Medizinerblick entdecke ich Absurditäten, die anderen nicht auffallen. Gesundheit entsteht weitgehend im Alltag. Die klassische Gesundheitserziehung nach dem Motto: "nicht rauchen, bewegen, Gemüse!" ist nicht alles. Ich möchte darüber hinaus zu mehr Lebensfreude motivieren. Wer nicht lachen kann, dem nutzt auch ein gesunder Körper nichts. Die Leute, die den ganzen Tag im Fitnessstudio verbringen, verpassen ihr Leben.

Morgenpost Online: Die seelische Seite der Medizin hat Sie schon immer mehr interessiert als die chirurgische. Sehen Sie Ihre Arbeit als Beitrag zur psychischen Gesundheit der Bevölkerung?

Eckart von Hirschhausen: So ist es. Die Medizin hat diese Sinn-Dimension leider weitgehend verloren. Weil man heute weniger religiös ist, glaubt man, der Körper sei der Tempel und das Fitnessstudio die Kirche von heute. Ich habe immer gern als Arzt gearbeitet. Parallel dazu habe ich entdeckt, was mir selbst und vor allem anderen Leuten Freude macht. Es wäre fahrlässig, das nicht zu tun. Heute verstehe ich mich primär als Live-Künstler. In meinem Bühnenprogramm vermittle ich in höchst unterhaltsamer Form therapeutisches Wissen. Ich benutze den Zeigefinger nicht zum Drohen, sondern zum Kitzeln. Wir verändern uns schneller, wenn wir Spaß dabei haben. Das ist eine Form von Gruppentherapie, die es bisher noch nicht gab. Viele Leute kriegen durch mich einen Impuls, in ihrem Leben etwas zu ändern, um bewusster und glücklicher zu werden.

Morgenpost Online: Viele Menschen mit einer psychischen Erkrankung nehmen aus Angst vor Ausgrenzung keine gezielte Hilfe in Anspruch. Weil die begleitenden körperlichen Symptome im Vordergrund stehen, sind Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen die Folge. Wie kann man das ändern?

Eckart von Hirschhausen: Viele Erkrankungen wie Depression und Schizophrenie haben immer noch den Ruf, dass man eh nichts machen kann. Das ist Unsinn. Die Heilungschancen sind hier oft höher als in anderen Bereichen der Medizin. Es gibt professionelle Hilfe und es ist keine Schande, sie in Anspruch zu nehmen. Unter Hirn und unsere Seele sind sehr komplizierte Dinge. Da ist es völlig normal, wenn sie mal ins Ungleichgewicht kommen. Früher oder später ist jeder einmal davon betroffen.

Morgenpost Online: Warum gehen Mediziner eigentlich so ungern zum Arzt?

Eckart von Hirschhausen: Mediziner sind die schlechtesten Patienten. Wir denken gern schlau, handeln aber dumm. Davon lebt der Komiker. Wir scheitern immer wieder an uns selber und an unseren Ansprüchen. Ich sage: Lacht darüber!

Morgenpost Online: Was tun Sie persönlich, um ein möglichst hohes Alter zu erreichen?

Eckart von Hirschhausen: Das ist die Krux: Ich selbst habe tierischen Stress, um möglichst vielen Leuten zu erzählen, wie sie mit ihrem Stress umgehen sollen. (lacht)