Kabarett

In Berlin ist selbst Hirschhausen sprachlos

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Christoph Wenzel

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Bei seinem Auftritt im Tempodrom macht Morgenpost-Kolumnist Dr. Eckart von Hirschhausen Bekanntschaft mit der Berliner Schnauze – und begeistert das Publikum nicht nur mit musikalischen Leckerbissen.

Damit hatte er nicht gerechnet. Als Dr. Eckart von Hirschhausen, Arzt und Kabarettist, während der zweiten Hälfte seines Programms „Liebesbeweise“ im Tempodrom durch die Zuschauerreihen geht und seine Patienten nach Gründen für Streit in einer Beziehung fragt, antwortet ihm eine Dame um die 60, seit 40 Jahren verheiratet: „Na, wenn mein Mann die ganze Zeit am Computer sitzt.“ Nicht ansprechbar sei er dann. Sie solle ihrem Gatten doch mal eine Email schicken, statt ihn anzusprechen, meint Hirschhausen. Aber stimmt, das gehe ja nicht, wenn der dauernd am Computer sitzt. „Was machen Sie denn da die ganze Zeit“, fragt Hirschhausen den Mann, „Musik oder Porno?“ Der Mann antwortet staubtrocken: „Also Musik, das klappt noch nicht.“ Das ausverkaufte Tempodrom tobt. Und Hirschhausen, sonst gewohnt schlagfertig, verschlägt es die Sprache.

Es ist das einzige Mal an diesem Donnerstagabend, dass er nicht mehr weiß, was er sagen soll. Selbst als Hirschhausen in der ersten Hälfte sein Programm unterbrechen muss, weil ein Zuschauer mit Kreislaufproblemen aus dem Saal gebracht werden muss, rettet er – ganz routinierter Mediziner – die schlagartig von ausgelassener Heiterkeit in Anspannung gekippte Stimmung mit der nötigen Mischung aus Ernst, (schwarzem) Humor – und Reden. Er gibt dem Publikum Tipps für die Erste Hilfe. Bei der Herzmassage, rät Hirschhausen, „immer an John Travolta denken, ‚Staying Alive’, 100 beats in der Minute“.

Es sind diese locker eingeflochtenen medizinischen Hinweise, gleichsam hintergründig wie humorvoll, die Hirschhausens Erfolg ausmachen. Er liefert intelligentes, aber nicht von oben herab präsentiertes Kabarett ab, das in seinem aktuellen Programm um die Liebe und ihre Begleiterscheinungen kreist und vor allem unterhaltsamen Ratgebercharakter hat: „Wenn man akzeptiert, wie etwas ist, ist das schon viel. Liebe Frauen: Beine haben die richtige Länge, wenn sie bis auf die Erde gehen.“

Hirschhausen, der auch Kolumnist von Berliner Morgenpost ist, nimmt sich dabei selbst zum Glück nicht zu Ernst. Sonst könnte er kaum zwei Gymnastikbänder schwingend unbeholfen über die Bühne hüpfen, um die statistischen Unterschiede zwischen Frau und Mann zu erklären. Nebenher plaudert er über Hormone, zeigt Bilder von Chromosomen und Gehirnaktivität, kritisiert das deutsche Gesundheitswesen, dem es mehr um Medikamentenpreise als um menschliche Zuwendung gehe – und er singt.

Zu „How deep is your love“ der Bee Gees, zu Louis Armstrongs „What a wonderful world“ oder – natürlich – dem Beatles-Klassiker „All you need is love“ gibt Hirschhausen den swingenden Liebesberater: „Wenn du glücklich werden willst, heirate nie einen schönen Mann.“

Als Sänger ist der mittlerweile im Fernsehen ziemlich umtriebige 43-Jährige zunächst zwar etwas gewöhnungsbedürftig. Aber wie er so da steht in grauer Weste, weißem Hemd mit Umschlagmanschetten, die linke Hand lässig in der Tasche, die rechte am Mikrofon – das hat seinen Unterhaltungswert als schelmischer Entertainer. Zumal Hirschhausen mit seinem Pianisten Christoph Reuter so gut harmoniert, dass die beiden auf Kommando auch so tun können, als würden sie nicht miteinander harmonieren.

Das Publikum jedenfalls, vom Teenager bis zum Rentner, genießt die mit Pause fast dreistündige Lachtherapie von Hirschhausen. Am besten ist er dabei immer dann, wenn er direkt mit dem Publikum spielt, mit ihm spricht, auf es eingeht. Er ist eben Arzt – und was wäre der ohne seine Patienten?

Nächste Termine 29. und 30. November Nikolaisaal Potsdam (ausverkauft), 24. und 25. März 2011 Tempodrom Berlin. Kartenbestellung unter: 01805-570070