Musik

Barenboims Orchester sagt Konzert im Gazastreifen ab

Im Gazastreifen wurde ein Konzert abgesagt, nachdem einem palästinensischen Musiker die Einreise verweigert worden war.

Bei dieser Nachricht aus dem Nahen Osten ist man geneigt, gelangweilt mit den Achseln zu zucken. Es ist niemand zu Tode gekommen, es gab keine Vergeltungsschläge, es sind keine politischen Verwicklungen zu erkennen – und Konzerte werden auch anderswo abgesagt. Der Dirigent Daniel Barenboim sieht das alles aber anders. Er sei "sehr traurig", sagte er gestern auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz in seiner Staatsoper Unter den Linden. Wenn Barenboim ruft, werden bekanntlich die Fernsehkameras eingeschaltet. Er weiß das. Jetzt liegt also der Fall Ramzi Aburedwan international auf dem Tisch.

Aber welcher Fall eigentlich? Für Sonntag war ein Konzert in einer katholischen Kirche in Gaza angekündigt. Das Konzert mit Werken von Telemann und Bach sollte im Rahmen eines kleinen Barock-Festivals stattfinden, das auch von der Barenboim-Said-Stiftung und dem Goethe-Institut organisiert wird. Der 27-jährige Bratscher wurde sieben Stunden am Grenzübergang Erez festgehalten und dann zurück gewiesen.

Möglicherweise habe es sich um einen "bürokratischen Fehler" gehandelt, so Barenboim, "das passiert aber oft, womit auch den Menschen, die sich für die Kultur engagieren, das Leben schwer gemacht wird". Möglicherweise wurde an diesem Tag gerade an diesem Ort eigenes Blut aufgewischt und die Stimmung war angesichts des jungen selbstbewussten Virtuosen gereizt. Möglicherweise waren die israelischen Grenzposten irritiert darüber, dass ein einzelner Palästinenser in einem Konvoi mit Ausländern reiste. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich insbesondere junge Europäer und Amerikaner berufen fühlen, musikalisch friedensstiftend durch den Nahen Osten zu touren.

Auch Barenboims 1999 gegründetes, hochdekoriertes und hoch zu preisendes West-Eastern Divan Orchestra, dem Aburedwans angehört, wird mittlerweile von reisefreudigen Europäern dominiert. Aburedwans Kollegen im kleinen Barockorchester kamen aus Frankreich, den USA, Großbritannien und einige, glaubt Barenboim, auch aus Deutschland. Was genau am Checkpoint passiert ist, weiß wohl nur einer, aber Aburedwans ging gestern in Tel Aviv nicht an sein Telefon.

Barenboim, der erst im September von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zum Friedensbotschafter der Vereinten Nationen ernannt worden war, nutzt die Gelegenheit für einen Appell. "Ein Konzert in Gaza ist wichtiger als alle Konzerte in der Welt", meint Barenboim: "Menschen brauchen Essen und Kultur, ihnen das zu verwehren ist schlimm, noch dazu vom jüdischen Volk, das so lange genau um diese Dinge gekämpft hat." Er selbst kündigt an, am 12. Januar in Ramallah einen Beethoven-Klavierabend zu geben. Es ist die Einweihung eines Flügels, den eine Mäzenatin aus Berlin finanziert hat.

Was genau Barenboim gestern mitteilen wollte, ist schwer zu sagen. Vermutlich wollte der Starmusiker mit israelischem Pass der Regierung auf internationalem Wege mitteilen, dass auch seine Musiker mehr Spielraum bräuchten. Es sei hiermit weiter gegeben.