Mit der bejubelten Premiere von Richard Wagners „Parsifal“ sind am Abend die 97. Bayreuther Festspiele eröffnet worden. Es war ein künstlerisch beachtlicher Auftakt. Die Aufführung begann traditionell um 16 Uhr und endete gegen 22.45 Uhr – dieser „Parsifal“ gehört damit zu den längeren Interpretationen des Werks. Am Ende wurde vor allem der Berliner Regisseur Stefan Herheim gefeiert, während das Orchester unter Leitung von Daniele Gatti einige Schwächen offenbarte.

Dankesworte für Wolfgang Wagner

Zur Eröffnung hatten Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) und Wolfgang Wagners Tochter Katharina das Lebenswerk des Festspielleiters gewürdigt. Der 88-Jährige hat nach 57 Jahren an der Spitze der Festspiele seinen Rücktritt angekündigt. Nach dem Willen des Stiftungsrates soll die 30-Jährige Katharina Wagner die Nachfolge zusammen mit ihrer Schwester Eva Wagner-Pasquier (63) übernehmen.

Die Neuinszenierung des „Parsifal“ konnte insgesamt mit seinen großen Bildern faszinieren, dennoch gab es nach dem zweiten Aufzug, in dem Hakenkreuze gezeigt werden, auch heftige Buhs aus dem Publikum.

Der neue „Parsifal“ von Stefan Herheim löst nach vier Jahren die Inszenierung von Christoph Schlingensief ab. Es ist Herheims erste Regiearbeit in Bayreuth. Der gebürtige Norweger, der in Berlin lebt, gilt als einer der gefragtesten, wenn auch umstrittensten Regisseure seiner Generation. Spätestens seit seinem Debüt bei den Salzburger Festspielen 2003. Damals inszenierte er Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ als eine aktualisierte Skandal-Revue und zog sich damit den Zorn der Besucher zu. Nun ist er also in Bayreuth, womit Herheim die beiden Fixpunkte eines jeden Opernregisseurs erreicht hätte – in einem Alter von gerade mal 38 Jahren.

Schon Hitler fand Gefallen an der Oper

Mit „Parsifal“ hat man ihm nicht gerade unproblematisches Material überlassen. Denn schon Adolf Hitler fand Gefallen an Wagners „Bühnenweihfestspiel“ (Originalbezeichnung des Komponisten) und schrieb einmal: „Aus Parsifal bau ich mir meine Religion.“ Grob zusammengefasst erlöst in „Parsifal“ der Titelheld (der „reine Tor“) den an einer unverschließbaren Wunde leidenden Gralskönig Amfortas. Zuvor muss er aber noch weiblichen Verlockungen widerstehen (in Form der ewig verdammten Kundry), „wissend werden“ und einen arglistigen Zauberer (Klingsor) besiegen. Zuletzt hatte Christoph Schlingensief das mit rund viereinhalb Stunden Dauer nicht eben längenarme Epos auf die Bayreuther Bühne gebracht. An seiner bildgewaltigen Umsetzung fanden allerdings nur wenige Wagnerianer Gefallen. Weil am Ende ein Video mit einem verwesenden Hasen zu sehen ist, tauften Kritiker die Inszenierung „Hasifal“.

Herheim inszeniert seinen „Parsifal“ als Zeitreise durch die Geschichte. Wobei er die Figur des Parsifal als Sinnbild für das sich zur Demokratie entwickelnde Deutschland interpretiert. Vom Kaiserreich Wilhelms II. Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Bonner Republik im 20. Jahrhundert. Die Zeit schreite innerhalb der Akte beständig fort. Den Spruch des Gralsritters Gurnemanz „Zum Raum wird hier die Zeit“ nimmt Herheim offensichtlich ernst.

Bezeichnend für Herheims Lust an der Symbolik ist der zweite Akt: Der Zaubergarten sieht aus wie Villa Wahnfried im Jahr 1918. Dort schmiedet Klingsor im Rocky-Horror-Look mit Strapsen und Bundesadler-Flügeln seine Pläne, während sich seine Gefolgsleute – deutlich als verwundete Soldaten zu erkennen – von Krankenschwestern und Huren pflegen lassen. Um Parsifal zu verführen, mutiert Kundry zu Marlene Dietrich. Standhaft bleibt er dennoch.

Der Reichsadler fällt von der Decke

Als Parsifal schließlich zum Kampf gegen Klingsor antritt, werden Hakenkreuzfahnen ausgerollt. SS-Truppen marschieren und nehmen den Helden unter Dauerbeschuss. Doch Kundry wirft sich heldenhaft vor ihn, wie einst Winnetou vor Old Shatterhand, und er kann den bösen Zauber beenden. Ein riesiger Reichsadler fällt von der Decke, die Bühne ist ein Trümmerfeld – Deutschland in Schutt und Asche. Da ist aus Schlingensiefs „Hasifal“ längst Herheims „Nazifal“ geworden.

Der Italiener Daniele Gatti, der einen insgesamt sehr pathetisch getragenen „Parsifal“ mit einem teilweise leider unsicher intonierenden Orchester dirigierte, konnte auf ein durchweg brillantes Sängerensemble zurückgreifen. In der Titelpartie debütierte Christopher Ventris, gefeiert sahen sich Detlef Roth als Amfortas und Mihoko Fujimura als Kundry.