Im Garten vergraben

Nachbarn entsetzt nach Babymord in Jüterbog

Der Tod eines Babys im brandenburgischen Jüterbog gibt den Ermittlern derzeit Rätsel auf. Die entscheidende Frage ist noch ungeklärt. Haben die Eltern das Neugeborene getötet, bevor sie es im Garten vergraben haben?

Heike H. und Marcel T. haben ihr eigenes Kind unmittelbar nach dessen Geburt im Jahr 2009 im Garten hinter ihrer Doppelhaushälfte in Jüterbog (Teltow-Fläming) vergraben. Davon gehen Polizei und Staatsanwaltschaft nach dem Fund der Babyleiche am vergangenen Wochenende aus. Am Montag wurde außerdem bekannt, dass die Mutter seit Jahren in Kontakt mit dem zuständigen Jugendamt steht.

Der Fall gibt den Ermittlern Rätsel auf. Die entscheidenden Fragen sind noch offen: Wurde das Neugeborene getötet, bevor es vergraben wurde? Kam es tot zur Welt? Oder wurde es lebendig begraben? Verlässliche Antworten auf diese für das weitere Verfahren wichtigen Fragen sollen die Obduktion der Überreste des Babys und weitere rechtsmedizinische Untersuchungen ergeben. Und die gestalten sich, wie Ralf Roggenbuck, der Sprecher der Staatsanwaltschaft Potsdam, am Montag mitteilte, aufgrund der langen Liegezeit der Leiche ausgesprochen schwierig. Mit einem vorläufigen Ergebnis der Obduktion sei im Laufe der Woche zu rechnen, weitere Untersuchungen könnten noch einige Zeit in Anspruch nehmen, sagte Roggenbuck weiter. In jedem Fall aber sieht die Staatsanwaltschaft einen ausreichenden Anfangsverdacht für ein Verbrechen. Bereits am Sonntag erließ ein Ermittlungsrichter gegen beide Eltern Haftbefehl wegen Verdacht des Mordes aus niederen Beweggründen.

Polizei glaubt an gemeinsame Tat

Es war ein entsetzlicher Fund, den etwa 30 Polizeibeamte am Sonnabend hinter dem Haus Lilienstraße 2 in Jüterbog machten. In der hintersten Ecke des Gartens, unmittelbar vor der Rückwand der Garage, stießen sie auf das, was übrig geblieben war von dem 2009 zur Welt gekommenen Baby. Heike H. selbst hatte die Polizei auf die Spur gebracht. Zuvor hatte sie über eine Bekannte die Polizei über das entsetzliche Geschehen informiert und angekündigt, sich zu stellen.

In ihrer ersten Vernehmung gab die 37-Jährige an, ihr damaliger, drei Jahre jüngerer Lebensgefährte habe den Säugling unmittelbar nach der Geburt an sich genommen und im Garten vergraben. Der daraufhin ebenfalls festgenommene Marcel T. verweigerte zunächst die Aussage, hat sich aber nach Polizeiangaben inzwischen zum Tatvorwurf geäußert. Einzelheiten dazu nannten Staatsanwaltschaft und Polizei „aus ermittlungstaktischen Gründen“ zunächst nicht. Wie Roggenbuck sagte, gehen die Ermittler allerdings von einer gemeinschaftlich begangen Tat aus.

Während die Ermittler sich um die Aufklärung der Hintergründe der Tat bemühen, muss sich jetzt auch das zuständige Jugendamt Fragen nach seiner Verantwortung stellen. Bei der Behörde ist Heike H. bereits seit 2004 bekant. Deren familiäre Verhältnisse seien kompliziert, sagte Jugenddezernent Horst Bührendt von der Kreisverwaltung Teltow-Fläming am Montag. Nähere Angaben dazu machte er mit Verweis auf den Datenschutz nicht. Es habe seitens der Behörde zwar eine umfassende Betreuung und regelmäßige Hausbesuche bei Heike H. gegeben, die neuerliche Schwangerschaft sei den Mitarbeitern des Jugendamtes aber nicht bekannt gewesen, sagte Bührendt weiter. Derzeit, so der Dezernent, gebe es keine Hinweise auf ein Versäumnis der Behörden. Der Fall werde aber noch eingehend untersucht. Die Kinder von Heike H. befinden sich seit der Verhaftung der Mutter in der Obhut des Jugendamtes.

Derzeit werden die in Untersuchungshaft sitzenden Eltern von den Beamten des Kommissariats „Schwere Kriminalität“ der Polizei Potsdam vernommen. Demnächst werden sich wohl auch psychiatrische Sachverständige mit den Verdächtigen befassen. Im Zentrum der Vernehmungen und Gespräche steht dabei die Frage nach dem Motiv. Auf das deuten momentan lediglich Indizien hin. In der Beziehung zwischen Heike H. und Marcel T. soll es zuletzt erhebliche Schwierigkeiten gegeben haben. Nachbarn berichteten von wiederholten heftigen und lautstarken Auseinandersetzungen. Im vergangenen Jahr soll Heike H. die Doppelhaushälfte, in dem das Paar drei Jahre zuvor eingezogen war, verlassen haben. Offenbar suchte die 37-Jährige zunächst vorübergehend Zuflucht in einem Frauenhaus in Luckenwalde und zog dann in eine Wohnung in Jüterbog.

Mit dem Paar lebten drei Kinder in dem Haus. Einen inzwischen 17-jährigen Jungen und ein neunjähriges Mädchen hat Heike H. mit in die Beziehung gebracht, dazu kommt noch ein dreijähriger gemeinsamer Sohn. Der älteste Sohn von Heike H. blieb allerdings nicht lange bei der Familie. Zwischen ihm und dem Lebensgefährten seiner Mutter soll es große Probleme gegeben haben, daher sei der Junge mit Hilfe des Jugendamtes in eine eigene Wohnung gezogen, berichteten Nachbarn des Paares am Montag.

Schwangerschaft blieb unbemerkt

Heike H. und Marcel T. sowie die gegen sie erhobenen Vorwürfe waren am Montag das Hauptgesprächsthema in der ruhigen, bürgerlich anmutenden Werderschen Siedlung, in der das Paar bis zu seiner Trennung gemeinsam lebte. Was aus dem Umfeld über beide berichtet wird, dürfte der Polizei allerdings nicht wesentlich weiterhelfen bei der Aufklärung der Hintergründe des schlimmen Verbrechens. Zu unterschiedlich sind die Angaben.

Einige Bekannte sagen über Marcel T., er sei mitunter „ausgesprochen jähzornig“ gewesen, andere wiederum beschreiben den 34-Jährigen, der als Fliesenleger in der Firma seines Vaters arbeitet, als „fürsorglichen Familienmenschen“. Über Heike H. gehen die Ansichten ebenfalls weit auseinander. Für die einen ist sie eine liebevolle Mutter, für die anderen eine Frau, der ihre eigenen Interessen und Vergnügungen wichtiger als die Beziehung und das Wohl der Kinder gewesen sein sollen. Von der Schwangerschaft, die der Tragödie voranging, will auch niemand im Umfeld von Heike H. etwas bemerkt haben. „Das ist etwas ungewöhnlich in einer Wohnsiedlung einer Kleinstadt, in der normalerweise alle über alles Bescheid wissen“, kommentierte dies ein Ermittler.

Mit Heike H. musste sich die Polizei schon einmal befassen. 2006 stürzte ihre damals vierjährige Tochter aus dem Fenster einer Wohnung im sechsten Stock eines Hauses, in der Mutter und Kinder damals lebten. Heike H. war zu dem Zeitpunkt gerade auf einer Feier, das Kind überlebte den Sturz nur mit viel Glück. Ein Ermittlungsverfahren gegen Heike H. wurde später eingestellt.

Der Garten in der Werderschen Siedlung wies am Montag noch die Spuren der polizeilichen Suchaktion vom Wochenende auf. Auf der Rasenfläche steht eine bunte Schaukel, auf der die Kinder von Heike H. oft und gerne spielten. Ihr jüngstes Kind hatte diese Möglichkeit nicht.

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