Beutekunst

Frankfurt hat seine gläserne Bilderbibel zurück

Grinsend greift der gehörnte Teufel nach einem Säugling. Der Kopf des Gehörnten ist knallrot, das Baby mit dem "T" als Zeichen des Antichristen im Heiligenschein goldgelb. Mosaikartig zusammengesetzte, farbige Glasscheiben, verbunden durch ein Bleinetz, werden zum biblischen Motiv "Geburt des Antichristen" und zeugen von der mittelalterlichen Kunst der Glasmalerei.

Die Tafel ist eine von ursprünglich 117 filigran gestalteten Scheiben. Zusammen bilden sie die drei Chorfenster der Frankfurter Marienkirche, die auch als "gläserner Schatz" bekannt geworden sind.

Von heute an hängen die jeweils zwölfeinhalb Meter hohen Mosaikfenster – aufwendig restauriert und neu zusammengesetzt – nach 60-jähriger Odyssee wieder am angestammten Platz: links mit den Motiven der Schöpfungsgeschichte, in der Mitte das Leben Jesu und rechts die Legende vom Antichristen. Die vermutlich zwischen 1360 und 1367 geschaffene Trilogie können nun ihre brillante Leuchtkraft wieder voll entfalten.

Der Abschluss der Einbauarbeiten wird heute mit einem Festakt in der gotischen Kirche gefeiert. Erwartet werden rund 1300 Gäste, darunter der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, der ein Segenswort spricht.

Vor zwei Jahren war das erste restaurierte Fenster im Kirchenchor eingesetzt worden. Es zog Experten wie Besucher in seinen Bann. Doch die als gläserne Bilderbibel für das im Mittelalter zumeist leseunkundige Volk geschaffenen Chorfenster von St. Marien sind heute jedoch mehr als ein kostbarer, zerbrechlicher Kunstschatz. Gelten sie doch deutschlandweit als die einzige bisher geglückte Rückführung russischer Beutekunst nach Deutschland.

Aus Angst vor Zerstörungen im Krieg war der Kirchenschatz 1941 aus der größten Backstein-Hallenkirche Norddeutschlands ausgebaut und im Potsdamer Neuen Palais versteckt worden. Dort entdeckten 1946 russische Kulturoffiziere die zerlegten Chorfenster und nahmen sie als Beutegut mit.

Während man die Glasmalereien in Frankfurt als verschollen ansah, lagerten 111 gut verpackte Mosaiktafeln in der Eremitage von St. Petersburg. Nach zähen Verhandlungen auf Regierungsebene und einem Beschluss der russischen Duma kehrten sie vor fünf Jahren in ihre Heimat zurück. Die Russen waren der deutschen Argumentation gefolgt, dass es sich bei der kostbaren Bilderbibel nicht um Beutekunst, sondern um Kirchengut handelt. Deren Rückgabe ist gesetzlich möglich.

Einige der Bilder waren bei ihrer Rückkehr erstaunlich gut erhalten, viele jedoch hatten sich aus ihren Bleifassungen gelöst, von anderen war fast nur noch Glasbruch übrig. Jede Menge Arbeit für zunächst drei, später vier Restauratorinnen, die in einer speziell eingerichteten Werkstatt mit Ablagerungen, Glassprüngen und Fehlstellen kämpften. 1,1 Millionen Euro hat die Restaurierung gekostet, knapp 300.000 Euro stammen aus Spenden größtenteils von Frankfurter Bürgern.

Die sechs noch fehlenden Glas-Scheiben galten hingegen lange Zeit als endgültig verloren. Erst vor zwei Jahren wurden die Tafeln in den Magazinen des Moskauer Puschkin-Museums entdeckt. Für viele Deutsche ist es logisch, wenn auch diese so schnell wie möglich an die Oder zurückkehren.