Beutekunst

99 Gemälde aus Sanssouci bleiben verschollen

Die Bildergalerie in Sanssouci erinnert an die Beutekunst-Rückgabe vor 50 Jahren. Eineinhalb Millionen Kunstwerke kamen damals aus der Sowjetunion zurück in die ostdeutschen Museen. Darunter so bedeutende wie der Pergamonaltar und die Schätze des Grünen Gewölbes. Doch nicht alle Bilder kehrten wieder.

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Natürlich war das Jahr 1958 ein Jahr der Freude. Eineinhalb Millionen Kunstwerke kamen aus der damaligen Sowjetunion zurück in die ostdeutschen Museen. Darunter so bedeutende wie der Pergamonaltar und die Schätze des Grünen Gewölbes. Doch in die Freude mischte sich schon damals die Trauer über die eine Million Kunstwerke und die vier Millionen Bücher, die nicht zurückgegeben wurden und wohl bis heute in der ehemaligen Sowjetunion lagern.

Und so sind die Ausstellungen, die die Bildergalerie von Sanssouci in Potsdam und die Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha mit den vor fünfzig Jahren zurück gegebenen Werken jetzt zeigen, zugleich Dank an die ehemalige Sowjetunion und Mahnung an die Politiker, die Beutekunstfrage nicht zu vergessen.

In den Museen in Aachen, Berlin, Bremen, Dessau, Dresden und Schwerin, die ihre Gedächtnisausstellungen demnächst eröffnen, wird es genauso sein. Denn vieles, was vor 50 Jahren nicht zurückkam, wird ganz offiziell in russischen Museen ausgestellt, manches nach und nach aus den Depots hervorgezaubert, andere Werke sind bis heute verschollen. Immer wieder berichten Russland-Reisende von vergammelnden Büchern, unzureichend gesicherten Lagerstätten.

Nichts davon ist offiziell bestätigt, doch viele Bücher und Kunstwerke sind bis heute nicht wieder aufgetaucht. Hoffnung besteht trotzdem, denn einige Museumsstücke – wie der Eberswalder Goldschatz und das Schliemann-Gold, die sechzig Jahre als verschollen galten – lagerten die ganze Zeit wohl verwahrt und unter strengster Geheimhaltung in Moskauer Museumsdepots. Erst nach der politischen Wende durften sie nach und nach ihre geheimen Lager verlassen. Sie sind jetzt in den russischen Museen zu sehen, denn für Russland gilt die Beutekunst als „Reparationszahlung“ für zerstörte russische Kunstwerke, wie es Irina Antonowa, Direktorin des Moskauer Puschkinmuseums stellvertretend für viele Russen sagt.

Daran hat keine deutsche Erinnerung an die Haager Landkriegsordnung, die eine Gefangennahme von Kunst verbietet, etwas geändert. 1997 und noch einmal 1998 beschloss die Duma, dass die Kunst, die die russischen Trophäenbrigaden 1945 aus deutschen Museumslagern abtransportiert haben und die nicht 1955 (Dresden) und 1958 (restliche DDR) in einer einmaligen Aktion zurückgegeben wurde, in Russland bleibt.

Verhandlungen sind blockiert

Auf politischer Ebene hat sich an dieser Situation nichts geändert. Doch die deutschen Wissenschaftler wollten sich damit nicht abfinden und beschlossen 2005, im „Deutsch-Russischen Museumsdialog“ zusammenzuarbeiten, um gemeinsam die wissenschaftlichen Kontakte mit den russischen Kollegen zu intensivieren. Denn mittlerweile wollen die deutschen Museumsmitarbeiter vor allem wissen, welche ihrer Schätze noch erhalten sind. Dazu werden sie gemeinsam mit ihren russischen Kollegen die Transportlisten der 2,5 Millionen Kunstwerke, die die Sowjettruppen 1945 mitnahmen, auswerten, wie der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, jetzt ankündigte.

Auch die Bildergalerie von Sanssouci vermisst bis heute 99 Gemälde. 60 kamen 1958 zurück nach Potsdam, die nun in einer Ausstellung in der 1755/1763 für Friedrich den Großen errichteten Bildergalerie zu sehen sind. Die nach Fotografien von historischen Glasplattennegativen originalgetreu rekonstruierte Hängung der Gemälde kündet von der großen Freude über die Rückgabe vor 50 Jahren und ist – durch ihre Lücken – zugleich traurige Erinnerung an die riesigen Verluste der Preußischen Schlösser. Insgesamt vermisst die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, die die größten Kriegsverluste in ganz Deutschland hat, noch immer mehr als 3000 Gemälde. Nicht alle sind verschollen. Seit die Stiftung 2004 ihren Verlustkatalog publizierte, wurden sechs Werke in Deutschland, Großbritannien, den USA und Holland gefunden. Sie kamen zurück.

Viel lagert noch in russischen Depots

Auch „Tarquinius und Lucretia“, datiert auf 1610/11, von Peter Paul Rubens tauchte wieder auf und wurde in einer krimireifen Aktion 2003 in Russland sichergestellt. Er fehlt allerdings bis heute in Potsdam, denn die stark beschädigte Leinwand, die zu den wichtigsten Potsdamer Bildern gehört, wurde nicht zurückgegeben. Auch von anderen Werken weiß die Stiftung, wo sie sich befinden. Eine Bathseba von Rembrandt hängt in Tula in Zentralrussland und erfüllt das dortige Provinzmuseum mit ungeahntem Glanz. Auch die Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha bekam damals 62 Gemälde und 330000 Bücher zurück. Längst nicht alles. Bis heute sind nur 40 Prozent der historischen Bestände in Gotha zu sehen. Der Rest verschwand in russischen Depots.

Potsdam, Bildergalerie Sanssouci, Im Park Sanssouci, Di-So 10-18 Uhr.Tel: 03319694181. Bis 31. Oktober

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