Werneuchen - Die gewagte Notlandung auf der unbeleuchteten Piste eines verwaisten Flugplatzes in Brandenburg hat den 20 Insassen eines Passagierflugzeuges aus der Schweiz möglicherweise das Leben gerettet. Besonders dramatisch: Als sich Besatzung und Passagiere nach dem Aufsetzen sicher am Boden glauben, erschüttert Sekunden später mit einem ohrenbetäubenden Knall ein harter Schlag die Saab 2000; ein etwa zwei Meter hoher Erdwall, quer zur Piste aufgeschüttet, hat der Turboprop-Maschine das Fahrwerk abgerissen. Schwere Teile davon fliegen durch die Luft, der Rumpf knallt auf den Beton und rutscht noch einen halben Kilometer über die Bahn, bis er zum Stillstand kommt. Das Ende eines Irrflugs. So finden sich Besatzung und Passagiere von Flug LX 850 am Mittwoch um 20.35 Uhr auf dem ehemaligen Militärflugplatz Werneuchen im Kreis Barnim wieder. Eigentlich wollten sie nach Hamburg.

Bis über Norddeutschland, wo sich schwere Unwetter zusammengebraut hatten, verlief der Flug der «Swiss»-Maschine ab Basel, 17.45 Uhr, normal. Für die meisten Passagiere war er ein Heimflug; planmäßige Landung 19.30 Uhr. Doch wegen des heftigen Wetters, das über die Hansestadt fegte, leitete die Flugsicherung ihn nach Bremen um. Aber die Gewitterfront war schneller. Also zurück Richtung Hannover. Auch an der Leine keine Chance zur Landung. Umleitung nach Berlin, das das Unwetter zu diesem Zeitpunkt noch nicht erreicht hatte. Aber als sich die Saab 2000 mit der alten «Crossair»-Beschriftung auf dem Rumpf der Hauptstadt näherte, machten auch dort die drei Innenstadtflughäfen dicht. Neue Anweisung: Die Maschine, der langsam der Treibstoff ausging, sollte weiter bis zum Notlandeplatz Eberswalde/Finow im Kreis Barnim fliegen. Aber sie ging vorher runter: weil die Tankanzeige gen Null sank - Notlandung in Werneuchen; früher eine Piste für russische Piloten, heute ein Sonderlandeplatz für die Sportfliegerei; die Landebahn mit dem Erdwall auf 1100 Meter verkürzt; keine Rollfeld-Befeuerung; kein Tower; von elektronischer Anflughilfe ganz zu schwiegen; an diesem Mittwochabend nicht mal Personal.

«Als wir gemeinsam mit der Feuerwehr auf dem Rollfeld eintrafen, hatten sich Passagiere und Besatzung schon aus dem Flugzeug befreit», erzählt Polizeisprecher Toralf Reinhard. Eine Frau klagte über Schmerzen im Bein. Einige Passagiere standen unter Schock. Niemand war ernsthaft verletzt.

Woher die Piloten von der alten Militärbasis wussten, war gestern unklar. Der Platz soll nicht einmal als Notlandeplatz registriert sein. «Er dürfte also auch nicht im Kartenmaterial für Passagiermaschinen eingezeichnet sein», vermutete Fritz Kühne von der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU), der sich gestern Flugzeug und Landebahn anschaute. Alles wird er in den kommenden Tagen analysieren. In einem ist er sich aber jetzt schon sicher: «Der Flug befand sich schon vor der Landung in einer Notsituation.»

Die Passagiere wurden vom Flugplatz zunächst in ein Mehrzweckgebäude der Gemeinde gebracht, mit Essen und Getränken versorgt und von der Polizei befragt. Anschließend ließ die «Swiss» sie im Bus nach Berlin fahren, von wo aus die meisten gestern nach Hamburg weitergereist sind