Unterwasseroper

Das Stadtbad Neukölln wird zum Opernhaus

Meeresbiologie und Opernmusik. Was nach einer ungewöhnlichen Kombination klingt, funktioniert im Berliner Stadtbad Neukölln perfekt. Dort wird die Unterwasseroper "AquAria Palaoa" aufgeführt – mit tauchenden Sängern und jeder Menge Robben.

Foto: Promo / Promo/Dritte lange Nacht der Opern und Theater

Am 1. Mai ist Premiere. Die Idee stammt von Claudia Herr, einer Spezialistin für zeitgenössische Musik. Sie singt die weibliche Hauptrolle und ist Produzentin. Die Aufführung mischt sphärische Unterwasserklänge mit einer Handlung um Hoffnung und Resignation. Mit dabei ein Chor von Darstellern, die junge und alte Robben verkörpern. Weiße, aufgebauschte Tücher auf den Fliesen im Stadtbad symbolisieren Eisberge.

Auch das Leben und der Gesang von echten Weddellrobben aus der Antarktis sind in die Oper eingeflochten. Unterwasserklänge aus der Antarktis werden eingespielt, die in 100 Metern Tiefe aufgezeichnet wurden. Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung haben sie zur Verfügung gestellt. "Man hört das Krachen der Eisblöcke, den Gesang der Meeressäuger, aber auch Töne, die sich bis heute nicht zuordnen lassen", sagt Claudia Herr. Sie ist fasziniert von der Forschung und von den Möglichkeiten, über und unter Wasser zu singen.

Die Unterwasseroper in Neukölln ist ein außergewöhnliches Vorhaben, und ein kompliziertes dazu. "Wir können nur wenige Stunden im Bad proben, vor oder nach dem Schwimmbetrieb", sagt Regieassistentin Kerstin Reichelt. "Für uns werden die Pumpen abgeschaltet, die sonst immer in Betrieb sind." Dann können Regisseur, Techniker und Darsteller ausprobieren, wie die Musik über und unter Wasser klingt.

Schwertfisch Schwermut wartet am Beckenrand

Wichtigste Person ist Claudia Herr. Die Mezzosopranistin schreitet über die Stufen im Halbrund des Bades ins Wasser. Mit einem Gewand bekleidet, die Sauerstoffflasche auf dem Rücken, das Mundstück in der Hand. Im Wasser hängen Mikrofone. "Hydrophone", nennt sie Kerstin Reichelt. Claudia Herr beginnt zu singen, erst über, dann unter Wasser - tatsächlich, ihre Stimme schallt durch das Jugendstilbad – ein bisschen sphärisch. Ihr Partner, Anders Kamp als Schwertfisch Schwermut, wartet am Beckenrand. Später wird er sich, mit dunklem Anzug und weißem Hemd, ins Becken gleiten lassen. Und sein Opfer umkreisen. Als Dritter soll der Trommler unter Wasser musizieren. "Er übt noch tauchen", sagt Kerstin Reichelt. Am Ende der ersten Probensequenz wirft "Schwertwal" Anders Kamp einen Rettungsring ins Wasser. Als Zeichen zum Auftauchen für die Hauptdarstellerin. Der Schwertwal in nassem Anzug und Hemd, die Sängerin mit Taucherausrüstung und Regisseur Holger Müller-Brandes diskutieren am Beckenrand über die Akustik.

Die Zuschauer werden auf der Empore das Stück verfolgen. Etwa 200 Steh- und Gehplätze gibt es. Der Vorverkauf hat begonnen. Karten kosten 20 Euro. Wer dennoch sitzen möchte, wird sich zur Aufführung einen kleinen Hocker an der Kasse kaufen können. Eine Stunde dauert das Stück. Es sind exakt 60 Minuten, weil ein Band mit zuvor aufgenommener Musik läuft. Darüber legen sich der Gesang der Darsteller, die Klänge von Tuba, Trommel, Cello und Trompete. Und der Gesang des Chores. Er besteht aus 19 Sängern, die weiße und schwarze T-Shirts tragen und junge und alte Robben symbolisieren. Auch sie gehen ins Wasser.

Die Musik passt in die Umgebung

Die Aufführungen im Mai, Juni und September finden meist zwischen 22 und 23 Uhr statt. Nach dem offiziellen Badebetrieb. Zuvor gibt der Regisseur eine Einführung im Foyer. "Die Musik passt in diese Umgebung", sagt Reichelt. Das Stadtbad an der Ganghoferstraße mit Säulen, Fliesen und Empore ist repräsentative Kulisse. Geplant ist, die Unterwasseroper auch in anderen deutschen Städten zu zeigen, die über ein Schwimmbad aus der Jugendstilzeit verfügen. Es seien etwa ein Dutzend, sagt Reichelt, darunter Nürnberg.

Bei den Aufführungen werden Musiker und Darsteller in schwarzen Hosen und weißen Hemden oder T-Shirts gekleidet sein. Barfuß oder mit Lackschuh? "Darüber reden wir noch mit dem Bademeister."

Die Idee für die Unterwasseroper hatte Claudia Herr schon 1998, als sie zum ersten Mal im Neuköllner Stadtbad war. "Ich konnte nicht richtig schnell meine Bahnen schwimmen, weil das Becken zu klein ist", erzählt die ehemalige Leistungsschwimmerin. "Aber die Atmosphäre hat mich inspiriert." Man müsse üben, bis man unter Wasser singen kann. Kondition sei erforderlich, weil der Wasserdruck den Körper belaste. "Aber dann ist es einfach schön."

Im Jahr 2000 hatte sie Premiere, mit einer 20 Minuten dauernden Performance im Stadtbad, beim Festival "48 Stunden Neukölln". Die Resonanz sei sehr groß gewesen, sagt Claudia Herr. Sie hofft, dass das auch bei der Unterwasseroper der Fall sein wird. Für die Produktion habe das Alfred-Wegener-Institut 10.000 Euro zur Verfügung gestellt. 3000 Euro kamen von Kooperationspartnern an der Karl-Marx-Straße in Neukölln. Berlin habe keine Förderung bewilligt, so die Produzentin. Darsteller und Technikteam sollen an den Einnahmen aus dem Kartenverkauf beteiligt werden.

Premiere: So., 01.05., 22 Uhr, weitere Vorstellungen: Sa., 07.05., 22 Uhr; Sa., 14.05., 22 Uhr; Sa., 21.05., 22 Uhr. Stadtbad Neukölln, Ganghoferstraße 3-5, 12043 Berlin (weitere Termine unter www.unterwasseroper.de )