Was wird aus der Hauptstadt? Herausragende Persönlichkeiten entwickeln Antworten, Ideen und Konzepte. Die beiden in Berlin lebenden Malerinnen Corinne Wasmuht und Valerie Favre wünschen sich mehr Mut in der Museumspolitik und mehr Engagement für junge Künstler
Alle sprechen vom Kunst-Boom Berlin und der modernen Kunst-Boheme. Das Berlin-ist-so-toll-Gefühl wird wie ein Mythos beschworen. Die Berliner selbst können es oft kaum glauben. Wie ist die Stadt nun wirklich für zwei Malerinnen, die aus Argentinien bzw. der Schweiz kommen?
Corinne Wamuht : Ich bin natürlich wegen der günstigen Mieten da, ganz einfach! (lacht) Man bekommt hier tolle Künstlerateliers, hier gibt es viele Lofts, einen riesigen Leerstand an Fabrikgebäuden und andere geeignete Räumlichkeiten. Vorher arbeitete ich im Rheinland, das wollte ich gar nicht verlassen. Doch ich habe mich in Berlin verliebt! Das Rheinland schwindet langsam aus meinem Gedächtnis.
Da wird sich das Rheinland nicht freuen...
Valerie Favre : Ich bin eigentlich ein Solitär wie die meisten Künstler, Berlin bietet die Qualität, ein gutes Netzwerk aufzubauen. In anderen Städten funktioniert das nicht so.
Wasmuht : Berlin hat etwas Großzügiges. Ich rede vom Osten, im Westen bin ich kaum. Eine spezielle Mischung aus Großstadt und Provinz. Auch wenn die Kiezmentalität viele kritisieren, ich finde sie gut. Man kann so viele verschiedene Sachen in verschiedenen Bezirken erleben, das gibt es nicht mal in einer Stadt wie New York. Andere Städte sind einförmiger. Kreuzberg ist eben anders als Ostkreuz.
Favre : Ich bin wegen der Malerei in Berlin. Berlin ist spannend. Die Stadt, das klingt vielleicht komisch, gehört aber für mich nicht wirklich zu Deutschland. Das ist für mich langweilig, konservativ. Berlin ist das Gegenteil. Hier herrscht immer noch Aufbruchstimmung, hierher zieht es eine junge Generation, die etwas aufbauen möchte. Ich habe 18 Jahre in Paris gelebt. Die französische Malereiszene war für mich in eine Sackgasse geraten, da konnte ich mich nicht weiterentwickeln. Ich wollte die deutsche Malerei besser kennenlernen. Und so bin ich in Berlin gelandet. Das war eine sehr schlechte, gute Idee. Ich konnte kaum Deutsch. Es folgte eine lange Zeit der Einsamkeit. Aber letztlich war auch das für mich eine sehr wichtige Erfahrung. Voila!
Was macht die Berliner Künstlerszene so unverwechselbar?
Wasmuht : Alle kommen aus den gleichen Gründen, manchmal gleich ganze Cliquen aus den Akademien, organisieren dann gleich Ausstellungen. Dahinter steckt eine große Kraft. Die Leute sind hier nicht so arrogant wie in anderen Metropolen. Offenheit heißt das Schlagwort. Und wir Künstlern aus verschiedenen Ländern, wir sitzen im gleichen Boot, wir geben uns Tipps. Dagegen ist das Rheinland, gerade Düsseldorf, Arroganz pur. Ein Pluspunkt ist, dass man schnell neue Leute kennen lernt, in meinem Falle Südamerikaner. In Berlin gibt es die größte Künstlerdichte weltweit. Nicht nur das, die bekanntesten Künstler weltweit leben hier. Manche sechs Monate, manche Jahre. Junge Künstler organisieren sich selbst, sie finden hier preiswerte Ausstellungsräume. Oder in Wohnungen. Das spricht sich rum, man geht hin, lernt wieder neue Künstler kennen. Alles Eigeninitiative und tolle Ausstellungen. Hunderte. So etwas, denke ich, funktioniert in New York nicht mehr.
Klingt überzeugend, dennoch hat sich die Szene in den letzten Jahren verändert.
Favre : Die Zeit war sehr schnell. Es hat sich viel geändert, die Stadt hat sich mehr und mehr formiert. Die Kunstwerke sind mittlerweile eine etablierte Institution, es gibt Künstlergemeinschaften, die sehr erfolgreich wurden, wie zum Beispiel Liga.
Wasmuht : Ein Problem aber gibt es in Berlin, es ist hier schwieriger einen Job zu finden, gerade für junge Künstler, die sich nur so über Wasser halten können. Der Stundenlohn ist niedriger als beispielsweise in Düsseldorf oder München.
Wie sieht Berlins Zukunft aus?
Wasmuht : Berlin ist arm, ist und bleibt aber eine Stadt der Zukunft. Das ist sehr inspirierend. Natürlich auch bedingt durch die Historie dieser Stadt. Ich kann nur schwärmen. Ich kenne Künstler, die haben ihr Atelier im Osten und leben im Westen, die nehmen die Strecke ihres Heimweges zu Fuß, weil sie meinen, da erlebt man so viel. Das sei so anregend. So etwas prägt die Atmosphäre, das Lebensgefühl dieser Stadt.
Frau Wasmuht, zwei ihrer Bilder hingen ja bereits bei Gerhard Schröder, jetzt hängen sie bei Bundeskanzlerin Merkel im Bundeskanzleramt. Ein staatstragendes Gefühl auf den Höhen der Republik?
Wasmuht : Der Auftrag war eine Überraschung, ich hab's nicht erwartet. Leider sind die Bilder nicht für die Öffentlichkeit zu sehen, nur eben an Tagen der offenen Tür. Das ist schade für einen Künstler. Für die zwei Bilder habe ich schließlich 5 Monate gebraucht - und dann sieht sie keiner! (lacht laut)
Sie schwärmen beide. Unglaublich. Gibt's keine Kritikpunkte?
Wasmuht : Doch. Die Kulturinstitutionen tun gar nichts!
Favre: Natürlich ist es finanziell eng.
Wasmuht : Die betreffenden Personen im Museumsbereich sind gar nicht informiert darüber, was überhaupt läuft. Die Institutionen haben mit dem, was in der Kunstszene läuft, was und wie sich die Dinge entwickeln, nichts zu tun. Das ist eine Parallelwelt! Der Palast der Republik mit seiner letzten Ausstellung war von den Künstlern selbst organisiert. Warum sind Berliner Institutionen nicht einmal auf die Idee gekommen, diesen White Cube temporär für gute, internationale Ausstellungen zu nutzen?
Favre : Das war Politik. Die Förderung für schlechte Künstler, zweiter und dritter Klasse läuft. Pardon! Sobald man aber als Künstler Geld verdient, dann hört es auf. Das ist nicht besser als in Paris.
Was sollte sich in der Museumspolitik ändern?
Favre : Natürlich hat Berlin seine hochattraktive Museumsinsel. Berlin ist Hauptstadt und muss sich mit anderen Metropolen institutionell vergleichen, auch in der jungen Kunst. Es gibt hier vergleichsweise wenige Museen, die sich eben um die Belange junger Künstler kümmern, die quasi vor der Tür arbeiten. Die Institutionen schlafen!
Wasmuht : Das ist jetzt ungerecht. Im Hamburger Bahnhof beispielsweise gibt es gute, engagierte Kuratoren, aber ihnen sind leider oft die Hände gebunden. Dabei gibt es große internationale Künstler in der Stadt, aber die kriegen hier einfach keine Ausstellung im Museum, sondern sind in London in der Tate Galery zu sehen. Ich meine, es geht den Häusern oft nur um reine Repräsentanz, aber an der Kunst gehen die Dinge einfach vorbei.
Favre : Den Kuratoren der Museen fehlt nicht selten die Macht. Es geht ja um eine allgemeine Kulturpolitik, die in diesem Bereich andere Perspektiven haben müsste.
Wasmuht : Was hier in der Stadt fehlt, ist ein richtiger Impressario im Bereich Museumspolitik und Kommunikation. Jemand, der die Entwicklungen mit Leidenschaft verfolgt, ein Trüffelschwein für Künstler.
Interview: Gabriela Walde

