Die Berliner Kulturmacher zieht es für ihre Inszenierungen an immer ausgefallenere Orte. Doch die Sicherheit von Besuchern werde durch diesen Trend mehr und mehr gefährdet, warnt Landesbranddirektor Albrecht Broemme. "Viele solcher Veranstaltungsorte sind in Hinsicht auf Brandschutz, Evakuierungspläne und ähnliche Kriterien bedenklich." Gesucht werde nach einem möglichst exotischen Ambiente, und im Winterhalbjahr verlagere sich das Geschehen naturgemäß in geschlossene Räume. "Diese sind oft nicht dafür vorgesehen, daß dort viele Menschen zusammenkommen. Sie sind keine Versammlungsstätten nach der entsprechenden Musterverordnung", so Broemme.
Eine Versammlungsstätte im klassischen Sinn verfügt über eine netzunabhängige Notstrombeleuchtung, mehrere Notausgänge und eine Bestuhlung, bei der die Sitze miteinander verbunden sind. Kinos, Theater und Kongreßhallen müssen diesen Anforderungen genügen.
Broemme: "Keine Versammlungsstätte ist zum Beispiel der Palast der Republik. Alle wesentlichen Brandschutzeinrichtungen wurden aus dem Gebäude entfernt, und trotzdem ist es in jüngster Zeit wiederholt für größere Veranstaltungen genutzt worden. Auch alte U-Bahnhöfe oder auch Lagerhallen werden mehr und mehr zweckentfremdet, obwohl sie für andere Zwecke konzipiert waren. So wird beispielsweise der U-Bahntunnel der Kanzler-Linie regelmäßig für Events genutzt. Bei Feuer und Panik können solche Orte für die Partygäste zu tödlichen Fallen werden."
Die Veranstalter seien sich der Verantwortung für die Sicherheit ihrer Gäste häufig nicht bewußt. Von der Bauaufsicht der Bezirke und der Feuerwehr werde erwartet, daß sie bei der Abnahme von solchen "Event-Locations" ein Auge zudrückten. Broemme: "Dies ist mit einigem Bauchgrimmen auch manchmal geschehen, und auf solche Fälle berufen sich die Veranstalter, wenn sie die Grenzen des Erlaubten noch weiter verschieben wollen. Auf diese Art werden Sicherheitsvorschriften nach und nach ausgehöhlt."
Als Beispiel für einen Grenzfall nennt der Feuerwehrchef das "Magazin", die ergänzende Spielstätte der Berliner Staatsoper. "Diesen Raum haben wir nach einigem Bedenken akzeptiert." Im ehemaligen Siemens-Kabelwerk an der Gartenfelder Straße in Spandau sei es sogar durchweg gelungen, die alten Industriehallen mit den heutigen Brandschutz-Erfordernissen in Einklang zu bringen. Die Siemens-Hallen waren im Frühjahr Schauplatz der Trendmodenschau Bread & Butter.
Landesbranddirektor Broemme argwöhnt, daß abseits der etablierten Kulturszene, etwa bei Partys und improvisierten Diskos, die Macher komplett ohne die Behörden planen. "Wenn man bei solchen Veranstaltungen die Gefahr ahnt, weil es überfüllt ist und Fluchtwege fehlen, dann sollte man lieber gehen".
Wohin allzu lässiger Umgang mit dem Brandschutz führen könne, habe im Februar vergangenen Jahres die Brandkatastrophe in einer Diskothek im US-Bundesstaat Rhode Island gezeigt. Dort hatte bei einem Rockkonzert die Decke durch pyrotechnische Effekte Feuer gefangen. 96 Menschen kamen um. Die meisten Opfer starben an Rauchvergiftung, weil sie den Saal nicht schnell genug verlassen konnten, einige wurden niedergetrampelt.


