Die gute Nachricht zuerst: Die Berliner Trinkwasserversorgung ist in den kommenden Jahrzehnten gesichert, sagte Katrin Lompscher (Linke), Senatorin für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz. Auch künftig soll das Berliner Wasser zu 100 Prozent aus Grundwasser gewonnen und nicht mit Chlor versetzt werden. Die schlechte Nachricht: Angesichts des weiter sinkenden Verbrauchs - er ist seit 1989 um 45 Prozent zurückgegangen - muss mit steigenden Wasserpreisen gerechnet werden.
"Die Fixkosten müssen auf weniger Verbrauch umgelegt werden", kündigte Jörg Simon, Vorstandsvorsitzender der Berliner Wasserbetriebe, an. Zusammen mit der Senatsverwaltung stellte er gestern das Wasserversorgungskonzept für die Hauptstadt bis zum Jahr 2040 vor. Simon rechnet damit, dass im Jahr 2040 in zehn Wasserwerken rund 280 Millionen Kubikmeter Wasser gefördert werden, heute seien es 193 Millionen Kubikmeter pro Jahr. Maximal könnten sogar 343 Millionen Kubikmeter gefördert werden.
Ab 2014 hat Berlin zehn Wasserwerke
Wichtigste Neuerung: Ab 2014 soll das Wasserwerk Johannisthal mit einem Neubau wieder ans Netz gehen und zur Frischwasserversorgung beitragen. Das erhöhe die Flexibilität. Seit 2001 wird im Wasserwerk Johannisthal nur Grundwassermanagement und -sanierung betrieben. Außerdem dient es als Zwischenpumpwerk. Damit die Keller in einigen Stadtteilen nicht volllaufen, werden von dort jährlich mehr als neun Millionen Kubikmeter Grundwasser in den Teltowkanal geleitet. Für den Bereich der Jungfernheide, wo es ebenfalls Probleme mit Grundwasserständen gibt, gehen die Behörden davon aus, dass das dort ansässige Unternehmen Siemens auch in Zukunft für das Grundwassermanagement aufkommt.
Gleichzeitig wurde vereinbart, dass die drei Wasserschutzgebiete Altglienicke, Jungfernheide und Buch aufgehoben werden. Diese Wasserwerke dienten schon länger nicht mehr der Trinkwassergewinnung. Grundstückseigentümer würden vom Wegfall der Einschränkungen der Schutzzone, beispielsweise dem Bauverbot, Vorteile haben. "Die Restriktionen entfallen sofort", sagte Wolfgang Bergfelder, Abteilungsleiter für integrativen Umweltschutz in der Senatsverwaltung. Der Anteil der Wasserschutzgebiete in Berlin sinkt durch die Aufhebung der drei Gebiete von 25 Prozent auf 22 Prozent.
Die Berliner Wasserbetriebe schätzen die Kosten des neuen Wasserwerks auf rund 25 Millionen Euro. Es soll dort gebaut werden, wo im Moment noch die alte Filteranlage abgerissen wird. Die Investition werde sich allerdings nur "relativ marginal" auf die Tarifentwicklung auswirken, schätzt Jörg Simon. Der geringe Verbrauch sei problematischer. 111 Liter verbraucht der Berliner im Moment pro Tag. Die Wasserbetriebe schätzen den künftigen Verbrauch auf weniger als 100 Liter.
Der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) kritisierte bei dem Konzept eine unzureichende Verbraucherorientierung. "Es ist bezeichnend, dass in dem Papier die Entwicklung der Wassertarife praktisch keine Rolle spielt. Die Senatsverwaltung von Frau Lompscher sollte sich darauf besinnen, dass sie auch bei den Tarifen für Verbraucherschutz zuständig ist", rügte BBU-Vorstandsmitglied Ludwig Burkardt.
Wasser 30 Prozent teurer seit 2003
Er sieht die Hauptursache für den rückläufigen Wasserverbrauch und die steigenden Grundwasserpegel in Berlin im Preis für den Kubikmeter Wasser. Seit 2003 sei er um fast 30 Prozent angehoben worden. Hunderte nasser Keller in Spandau oder Friedrichshain seien Folge der hohen Wasserpreise. Wasser sei bei den Betriebskosten mit 22 Prozent der zweitgrößte Posten nach Heizenergie (35 Prozent). Berlin belege mit einem Kubikmeterpreis von 5,10 Euro für Trink-, Ab- und Niederschlagswasser unter den deutschen Großstädten einen klaren ersten Platz. In München werde nur 3,22 Euro gezahlt.
Grüne kritisieren Konzept als Stückwerk
Die Grünen bezeichneten das Versorgungskonzept unterdessen als unsolides Stückwerk. Trotz rückläufigen Verbrauchs wollten Senat und Wasserbetriebe die Fördermenge erhöhen. "Dem Senat geht es nur darum, den für einen siedlungsverträglichen Grundwasserspiegel notwendigen Erhalt des Wasserwerks Wuhletal und den teuren Neubau des Wasserwerks Johannisthal zu rechtfertigen", kritisiert die umweltpolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus, Felicitas Kubala.
Der Senat müsse dafür sorgen, dass nicht nur die Versorgung sichergestellt wird, sondern Wasser auch bezahlbar bleibe, fordert auch die CDU. Sonst bestehe Gefahr, dass Trinkwasser am teuersten Wasserstandort der Republik in Zukunft immer mehr zum Luxusgut werde. Die FDP verlangt ebenfalls, dass das Trinkwasserversorgungskonzept die Frage der Bezahlbarkeit nicht ausklammert. Sie will das neue Konzept im Ausschuss für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz beraten. "Im Zweifel muss das Parlament die wenig erfolgsverwöhnte Senatorin zum Nacharbeiten der fehlenden Tarifgestaltungsfragen zwingen", so Sprecher Kai Gersch.


